Seite - 88 - in Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
Bild der Seite - 88 -
Text der Seite - 88 -
88 JournalistischeArbeiten
mitderselbenKlarheit zu erfassen,mitderselbenEnergie zuverfolgen,wie
eigenesoderwesensverwandtes.“269
Bettina,Protagonistin inFeldmannsErzählung, Jus-Studentin,die„wegen
ihresscharfenVerstandes, ihrerraschenAuffassungundsicherenUrteils fürdie
juristischeLaufbahnbestimmt“270 ist, stehtdemErlebtentrotz ihrerFähigkeit
zuanalytischemDenkenhilflosgegenüber. JuristischgesehenhatsieausNot-
wehrgehandelt. IhrSchamgefühl,dassiedavonabhält,vonderVergewaltigung
zuerzählen,verunmöglicht ihr, sichan jemandenzuwenden:
[…]sollte sie sich jemandemanvertrauen?Wem?IhreStiefmutter ist ein junges, kindi-
sches,hohlesWesen.EinPüppchen. IhrVater!O,der liebt sie.AberesgibtDinge,über
dieein jungesMädchen, trotzder innigstenFreundschaft,miteinemVaterniesprechen
kann.Vielleicht,wennihreMutternoch lebte!271
ZurZeitdesErscheinensvonBettinaundderFaun studierten500Frauenan
derUniversitätWien.Vorreiterinnenkamen–wieauchdieProtagonistinbei
Feldmann–vorallemausdemBildungsbürgertum,dasTichyals„‚klassisches‘
familiäresUmfeld indenHallenderWissenschaft“272bezeichnet.
DaskurznachdemErscheinenderErzählungvomAkademischenFrauen-
vereineingereichteAnsuchenumAufnahmevonFrauenander juridischen
Fakultätblieballerdingserfolglos. InÖsterreichwurdedas Jus-Studiumerst
nachdemErstenWeltkrieg für Frauen zugänglich gemacht, führte aber le-
diglichzueinemwissenschaftlichenGrad,wohingegenihnenderZugangzu
juristischenBerufenweiterhinverwehrtblieb.273
Denkbaralso,dassFeldmannsichaufdieseDebattebezieht, indemsieals
Hauptfigur ihrerErzählung–gleichsamdenwünschenswertenAusgangder
Petitionantizipierend–eine Jus-StudentinwähltundmitderenSelbstmord
gleichzeitigdieGültigkeitdes inderDebattevorgebrachtenSchamarguments
untermauert.
Das zweite imKontext umdie Jahrhundertwende verfasster psychologi-
scherErzählungenbearbeiteteThema,dasderbürgerlichen ‚Versorgungsehe‘
undihrerKonsequenzen,„nimmtsowohl inderTheoriealsauchinder lite-
rarischenPraxisderzweitenHälftedes19.
Jahrhundertseinenprominenten
269 LeopoldineKulka:WozubrauchenwirweiblicheJuristinnen?In:NeuesFrauenlebenNr.:8.
August1908.S.
1.
270 ElseFeldmann:BettinaundderFaun. In:DieZeit05.07.1908.O. a.: S. 23.
271 Ebd.:S. 26.
272 MarinaTichy:SozialeHerkunft,ElternhausundVorbildungderStudentinnen. In:Waltraud
Heindl;MarinaTichy(Hg.): „DurchErkenntniszuFreiheitundGlück…“O. a.: S. 93–107.
Hier:S. 93.
273 IreneBandhauer-Schöffmann:FrauenbewegungundStudentinnen.ZumEngagementder
österreichischenFrauenvereine fürdasFrauenstudium.In:ebd.:S.
49–76.Hier:S. 71.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien