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eine„SittengeschichtedesWarenhauses“300 zuschreiben,dieVerkäuferinnen
beobachten,wennsienach ihrerArbeitnachHausegehen, ihnennachforschen
müsse.
Mitunterfindensichnebendenbereitserwähnten,geringfügigadaptierten
Auszügen aus ihremKindheitsromanumgekehrt auchVersatzstücke zuvor
schoninZeitungsartikelnbeschriebenerSzenenoderCharaktere indenRo-
manenwieder.Wie z. B.: dieMotive der böhmischenMineralwasserfabrik
sowiederMütter,die ihreKinderaufdenFeldernvorderFabrikzurücklas-
sen,umarbeitenzugehen,die alsBeschreibungauthentischenErlebens im
Zeitungsartikel301Eingang indieFiktiondesRomans(vgl.:LDM119)finden.
DieSozialreportageverfolgt, indemsieausdemkonventionellenöffentlichen
DiskursausgesparteWirklichkeitenthematisiert, einepolitischeIntention,die
„gesellschafts-oderzumindestzukunftsveränderndwirken, sozialeMissstände
aufzeigen,Betroffenewachrütteln,informieren,aufklärenundmotivieren[will],
sichgegensozialeUngerechtigkeitenzuwehren“.302DassdiesauchMotivation
fürFeldmannseigenesSchreibenist,gehtauseinemihrerBriefeandenRedak-
teurderArbeiterZeitungOttoKönigdeutlichhervor,demsieschreibt:„Ichbin
unbedingt fürdasMarx-Wort:dasVolkmußvorsichselbsterschrecken.“303
ThemaderSozialreportage istdieLebenswirklichkeit sozialerRandgruppen,
vonAußenseiternundEntrechteten.Sieberichtet,wieBergmannformuliert,
vom„BodensatzderGesellschaft“304undzeigtdabeiUrsachenvonMissständen
auf.DabeiwerdenEinzelschicksalemitwirtschaftlichen,politischenundsozia-
lenGegebenheitenverknüpft,umdarausgesamtgesellschaftlicheStrukturen
ableitenzukönnen,dieeineranschließendenAnalyseunterzogenwerden.
IhreEntstehungistengmitderzunehmendenIndustrialisierungim19. Jahr-
hundert,unterderbesondersdieArbeiterschaftinFormvonschwierigenPro-
duktionsbedingungen, ungerechter Entlohnungund schlechtenLebensver-
hältnissen zu leidenhat, sowiemitdemdamit einhergehendenAnwachsen
sozialdemokratischerStrömungenverbunden.DadieSozialreportage,wieKür-
bischschreibt, erstmitdemEmanzipationskampfdesProletariatseinsetzeund
ihnbegleite,
300 Dies.:BildervomJugendgericht.AuseinemWarenhause. In:DANr.:218.08.10.1917.S. 3–4.
Hier:S. 3.
301 Dies.:Gebet imFrühling. In:NWJNr.:8812.16.05.1918.S. 3.
302 HannesHaas:Empirischer Journalismus.VerfahrenzurErkundunggesellschaftlicherWirk-
lichkeit.Wien,Köln,Weimar.Böhlau1999.S. 237.
303 ElseFeldmann:BriefanOttoKönig.15.07.1925.
304 KlausBergmann(Hg.):SchwarzeReportagen.AusdemLebenderunterstenSchichtenvor
1914:Huren,Vagabunden,Lumpen.Hamburg.Reinbek1984.S.
9.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien