Seite - 103 - in Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
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DieRecherchesolch„sozialerSensationen“setze, soWinter,Aktivitätund
denVorstoßzumOrtdesGeschehensvoraus:
Ueberall eindringen! In dieObdachlosenasyle, Krankenhäuser, Volkskneipen, Brannt-
weinbuden, Bergwerke, Staatsforste, Fabriken, Armenhäuser, Tuberkuloseheime, Poli-
zeiarreste,Gefängnisse,indieGeheimnissedesLebensderFabrik-undVerkehrsarbeiter,
der städtischenundStaatsarbeiter, derLandstreicherundProstituierten; eindringen in
dieHöfeundMenschenställederOstelbierundindieWohlfahrtspolitikderKruppund
Konsorten[…].341
Wieschongezeigt, greiftauchFeldmannaufdieseRecherchemethodezurück.
Für ihreStudiederrachitischenKinder z. B.besuchtFeldmann,wiesieselbst
angibt,die „größtenKinderkrankenanstalten“342Wiens, geht indieArmen-
spitäler343oderverbringt selbst einigeZeit imJugendheimin Judenau: „Ich
habe indiesemSommereinenTeilmeinerFerien imJugendheimvonJudenau
verlebt.“344
UmbeiReportageneingrößtmöglichesMaßanAuthentizität zugewähr-
leistenundderGefahrderRealitätsverzerrung,wiesiedieAnwesenheitAu-
ßenstehenderu. U.nachsichziehenkann,ausdemWegzugehen,empfiehlt
Winter, „überallwomöglichunerkannt undunvermutet nachdemRechten
[zu] sehen [Hervorh.v.M.
W.]“.345Getarnt alsArbeiter des städtischenLa-
gerhauses,Kulissenschieber imBurgtheater, Eisenbahner amWestbahnhof,
Hopfenpflücker inSaaz, IndustriearbeiterbeiderVoestAlpine,Statist inder
HofoperundStrotter imWienerKanalsystembetriebWinterdemnachseine
Feldforschungen. IndemerdieRolle inseinerReportageoffenlegt– inseinem
BerichtEineNacht imAsyl fürObdachlose schilderterausführlichdasAnlegen
derElendsmaskerade–,erreichtereinHöchstmaßanGlaubwürdigkeitund
generiertdadurch,wieHaasformuliert,eine„ObjektivitätzweiterOrdnung“.346
Ähnliches gelingt Feldmann, wenn sie sich, ganz im Sinne vonWinters
Imperativ„überall eindringen“,nicht scheut,MenschenvonderStraße in ihre
Wohnungenzufolgen,umdieGlaubwürdigkeit ihrerAngabenzuüberprüfen.
Einenalten Juden imKaftan,der sieund ihrenBegleiter aufder Straßeum
GeldfürseinkrankesKindanbettelt, suchtsieandervonihmnurzögerlich
angegebenWohnadresseauf:
341 Zit.nach:HannesHaas:Empirischer Journalismus.O. a.: S. 252.
342 ElseFeldmann:BilderdesElends. In:NWJNr.:9105.09.03.1919.S. 5–6.Hier:S. 5.
343 Dies.:Kulturarbeit I.DieÄrzte. In:DMNr.:47.25.11.1918.S. 5.
344 ElseFeldmann:KinderelendundJugendverbrechen.DasJugendheiminJudenau. In:NFP
Nr.:20557.21.11.1921.S. 5–6.Hier:S. 5.
345 Zit.nach:HannesHaas:Empirischer Journalismus.O. a.: S. 252.
346 Ebd.:S. 243.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien