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RiederweistinErgänzungzudemBefundvonHaas,dasseskeineTheorieder
Reportagegebe,daraufhin,dass, abgesehenvoneinerReihevonAnthologien
undDiplomarbeiten,die sichmiteinzelnenVertreterndesGenresbefassen,
auchnochkeineumfassendeGattungsdefinitionderSozialreportageexistie-
re.361EinUmstand,derbisdatounverändertgebliebenist.DassdieSozialre-
portageweder in fachspezifischenLexika,nochimKontextvonJournalismus
alseigenerBegriffbzw.eigeneDarstellungsformangeführt ist, legtnahe,die
SozialreportageunterdemweitergefasstenAspektderandieReportage im
AllgemeinengestelltenForderungenzubetrachten.
Aus ihnenmöchte ichdiederErhöhungderGlaubwürdigkeit durchAu-
thentizität,wiesievonWinterpostuliertwordenist,herausgreifen,dasie im
HinblickaufFeldmannsSchaffenalswesentlicherscheint.Pöttkerführtvier für
dieAuthentizität einesreportageähnlichenTextesausschlaggebendeParameter
an:Simultaneität,SubjektivitätPräzisionundAtmosphäre.
UnterSimultaneitätverstehterdieGleichzeitigkeitvonBerichtundBerich-
tetem,diemittels temporalerBestimmungenwieheute, jetzt, eben, ineinigen
Stundenetc.zumAusdruckgebrachtwird.Solchefindensich inFeldmanns
Texten: „Draußen auf derGasse plötzlich […].“362 „IndemAugenblick er-
strahlenalleLichterundmanerkennt, […].“363 „Es istnachMitternacht,der
sechzehnjährige Junge ist soebenerwacht […].“364UmdenEindruckderUn-
mittelbarkeit zuverstärken,kommtesdabei auchhäufigzueinem,auchbei
Feldmannzubeobachtenden,TempuswechselvomüblichenPräteritumhin
zumPräsens,wodurcheineBeschleunigungdesErzählflusseserreichtwird:
„ZweiKinderfielenmirschonaufdemGangeauf […].AlsdiebeidenKinder
indenSaalgerufenwerden, ist ihnendasLachenvergangen.Beide fangenan,
nochehesiegefragtwerden,zuschluchzenundzuweinen.“365
ImZusammenhangmit simultanerTextproduktionbetontPöttker,dassder
Reporter sichdabei „demGeschehenbis zueinemgewissenGradeanheim-
geben, ja sichvon ihmüberwältigen lassenmüsse, sodassdieDynamikder
zueinerGlobalstrukturverdichte.Er liefereDeutungenundBewertungen,die fürdenLeser
orientierungsrelevantsind,mit.ZuletztseidieSozialreportagealsFragment,alsKonstruktion
undfürWiedererzählungoffengekennzeichnetundsach-,medien-undpublikumsgerecht
aufbereitet.Vgl.: ebd.:S. 2.
361 ThomasRieder:DieSozialreportage imKontextvonBeobachtung,BeschreibungundVer-
änderunggesellschaftlicherWirklichkeit.Versucheiner interdisziplinärenEntwicklungsge-
schichte.Diplomarbeit.Univ.Wien2009.S. 15.
362 ElseFeldmann:BildervomJugendgericht.DieHeimateineskleinenKohlendiebes. In:Der
neueAbendNr.:1.10.06.1918.S. 3–4.Hier:S. 3.
363 Dies.:MitWienerKindern inUngarn. In:DMNr.:39.30.09.1918.S. 6.
364 Dies.:BildervondermenschlichenSeele.SchlafloseNachteinesArbeitslosen. In:NWJNr.:
9039.01.01.1919.S.
8–9.Hier:S. 8.
365 Dies.:BildervomJugendgericht.SpielendeKinder. In:DANr.:5.07.01.1918.S. 4.
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© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien