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120 JournalistischeArbeiten
DieGedankengingen in ihremKopfhinundher, hinundher. Immerdenkt sie andie
Kinder,nuransieallein.AndenManndenktsienichtmehr–nurein-,zweimaldesTages
–da verspürt sie in derNähedesHerzens einenStich–unddann ist es gleich vorbei;
dannkommenhundert andereDinge.Wasnutze auchdasDenken an ihn. Ihr ganzes
nächtelangesKopfzerbrechen; esbrachte siedochnichtdenkleinstenSchrittweiter. Sie
weißnicht,ober lebtoder tot ist.Nungut,waskannmanmachen!441
Nachdemsie vondenÄrztenerfährt, dass ihreKinderohneentsprechende
Behandlungnichtmehr langezu lebenhaben, fasst sie ihrenEntschluss:
JetztweißdieMutter alles;weiß, daß ihreKinder verloren sind […]. Jetzt,wo sie alles
weiß, ist sie sehr, sehr klug geworden. Klüger als der Arzt und sogar derHerrMedi-
zinalrat. […] Siewird ihreMarter abkürzen.Waswäre ihreMutterliebe, wenn sie die
SchmerzenihrerKindernicht lindernkönnte…442
DieEinblicke indasInnenlebendieserMutterverleihenFeldmannsabschlie-
ßenderAnklagemehrGewicht, als es eine reinobjektiveFormderBericht-
erstattung,dieaufLebensverhältnisse,ArbeitssituationundEinkommenBezug
nimmt,erreichenkönnte:„wohabenwireineHeilanstalt für sofort [Hervorh.v.
E. F.]–wennimmer tausenddringendeFällevorgemerkt sind.BeidemWarten
achtbiszehnMonatebis inAllandetwas freigewordenwäre,wärendieKinder
ohnedieszugrundegegangen.“443
DieserTextwirdallerdingsdurcheineStellungnahmeFeldmannszuPopper-
Lynkeus’ inseinemProgrammderAllgemeinenNährpflicht vertretenenAn-
sinnen,Neugeborene„vonStaatswegenraschundschmerzloszutöten, falls
dieMittelnichtaufzubringenwären,Nahrung,GesundheitundErziehungden
aufwachsendenKindernzugeben“,444 ineinbeklemmendesLichtgerückt,weil
darinnahegelegtwird,dassFeldmannden‚Ausweg‘dieserMutteraus ihrem
Dilemma,dieKindstötung,zumProgrammerhebenwürde.
DerArtikel erscheint einige Jahre zuvor imOktober1917 imAbendund
FeldmannbezeichnetPopper-Lynkeus’ Ideedarinalsetwas,„dasanWeisheit
undGütenichtmehrübertroffenwerdenkann“.445Siegestehtzwarzu,dasses
fürdieMütter„gewißhart [wäre].Aberwieviel leichter istes,überdenraschen
TodeinesLebewesens,dasmankaumkennt,hinwegzukommen,alsnach jah-
441 Ebd.:S.
8.
442 Ebd.:S.
8.
443 Ebd.:S.
8.
444 ElseFeldmann:BildervomJugendgericht.Seelentuberkulose. In:DANr.:230.22.10.1917.
S. 4.
445 Ebd.:S. 4.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien