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124 JournalistischeArbeiten
AuchimSommer,dendieKindermitderMutteraufdemLandverbringen, ist
ihrkeineRuhegegönnt:âEsmuĂtedieganzeWohnungumgerĂ€umtwerden
[âŠ].EsgabvonfrĂŒhbisnachtszutun[âŠ].â460
DeutlichwirdFeldmannauch,wennsiedenUmgangderâWienerâGnĂ€digenââ
mit ihrenDienstboten,zumeistMĂ€dchenvomLande,âdiesichnicht leicht in
dasstĂ€dtischeLebenschickte[n]âundmitdemâklassischenNamen:Trampelâ
belegtwerden, scharfkritisiert:
Trampelwar einMĂ€del, dasmandenganzenTag anschreienundbeschimpfendurfte,
demmandaswenigste an LohnundEssen gab, demdie ganze Familie umzehnUhr
abends die kotigen Schuhe in dieHĂ€nde schmiĂ, um sie amnĂ€chstenMorgen sauber
und glĂ€nzend vor den Betten zu finden. Trampel schlief in der KĂŒche ohne odermit
âLichthoffensterââTrampeldurfteabendsausSparsamkeitkeinLichtbrennen,Trampel
durftenureinmalinderWocheausgehen,unddaerstnachderJause,nachfĂŒnfUhrund
hatteumachtUhrzumNachtmahlholenzurĂŒckzusein.461
DiesozialeAnklageverstÀrktFeldmann, indemsiediesermenschenverach-
tendenPraxisdiegroĂeLoyalitĂ€tdesDienstmĂ€dchens ihrereigenenKindheit
gegenĂŒberstellt,das,obwohlesaufgrundfinanziellerSchwierigkeitenderFa-
milieâschonseitdreiMonatenkeinenLohnbekommenhatâ,462 seineeigene
Federboaversetzt,umEssenfĂŒrdieKindereinzukaufen.
Einblick indasSchicksal,demDienendeamEnde ihresLebensentgegen-
sehen, gibt Feldmann in einem ihrer spÀten Feuilletons,wo eineKranken-
schwester,nunselbstkrank,âschondievierzehnteWocheâ ineinemSpitalbett
liegt:
Siewar abgemagert undabgezehrt, dasGesicht gelbundkantig; das frĂŒher energische
undstraffeKinnwarschlaffundwievonĂngstengezeichnet,dasmachteeinentraurigen
undzerstörtenEindruckfĂŒr jeden,deressah.WennsienichtbetĂ€ubtschlief, lagsiemit
demGesichtzurWandundstarrteaufeineStelle.463
FrĂŒherbiszurSelbstaufgabeumdasWohl ihrerPatientenbemĂŒhtââHieĂes
nicht immer,wennvonihrdieRedewar:mithohemFieberDienstgemacht.
NachtdienstundnocheinenTag!ââ, ist sienunselbstzueinemFallgeworden,
derdenĂrztenalsAnschauungsobjektdient:
DieĂrztekamen tĂ€glichan ihrBett, der ganzeSchwarm[âŠ].Letztesmalhatten sie ei-
nenAmerikanerdabei,manerklÀrte ihmallesaufenglisch[sic!].AusGastfreundschaft
460 Ebd.:S.Â
9.
461 ElseFeldmann:Anna. In:AZNr.:67.09.03.1930.S. 19.
462 Ebd.:S.Â
19.
463 Dies.:Nunwill esdunkelwerden. In:AZNr.:312.11.11.1933.S. 6.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien