Seite - 127 - in Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
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Es ist keinZufall, daßdie bedeutendstenReporter entweder ausdemProletariat stam-
menoder ihmnahestehen.Werdiesseitsgläubig ist,werwirklichkeitsbezogen ist,muß
Sozialist sein.Dennwasheißt sozialeRevolution?EroberungderWirklichkeit.469
BeobachtungundSehensindKriterienneusachlicher literarischerProduktion,
die –wie in ihrenTextenmehrfach explizit deutlich gemachtwird – auch
beiFeldmannalspoetischesPrinzip fungieren:„MeingroßesVergnügenund
meineUnterhaltungwares,Menschenzubeobachten.Nichtsentgingmir,kein
Wort,keinZuckenineinemGesicht,keinLächelnderQualoderderFreude.“470
Sobeschreibt siezumBeispiel indemFeuilletonBlickausdemHotelfenster
dasTreibenaufderStraßeeinermodernenGroßstadt:
Es ist unheimlich,wie diesesGetriebenie zurRuhekommt–nie; dieWagennicht zu
fahren aufhören, dieMenschennicht durcheinander zu eilen […]. IchnehmedenSte-
cher,MarkeZeiß, undauf einmal istmir allesnah. Ichkann jedendeutlich sehen.Die
fernstenGestaltenstehenplötzlichvormirundenthüllenmir ihrLeben.471
Einjunger,mitdenletztenResteneinerUniformbekleideter,Menschmitleeren
Augenhöhlen,deraufderStraßeSchneerosenanLiebespaareverkauft,daneben
robustwirkendeBlumenfrauen,dievieleRöckeübereinanderangezogenhaben,
umsichvorderKältezuschützen, sichausderStraßenbahndrängendeArbei-
terundAngestelltemitmüdenGesichtern,Autos, indenengepflegteDamen
nebenHerrenmit „gierigen, schlauenAugen“aufdemWegzuTheaterund
Vergnügungsstättensitzen,einKind,dasvonseinerMuttergeschlagenwurde,
weil esumSüßigkeitenbettelte, einbeiderSäuleeinesDenkmals scheinbar
vergeblichauf seinRendezvouswartender jungerMann,derdieRollbalken
herunterziehendeDienereinerBuchhandlung,voneinemVerkehrsstauaufge-
halteneMenschen,KellnerundGästedesgegenüberliegendenKaffeehauses,
„zwei lange,magereFraueninTrauermit langenSchleiern“,dieeinemBettler
Geldgeben,einArbeiterundeinDienstmädchen,daseine furchtbareMittei-
lunggemachthabenmuss–einganzesFigurenpanoramaerschließt sich im
Text,wobei auchTierenicht ausgespart bleiben: „DiebeidenPferde stehen
stumpf daund zuckenunter denPeitschenhieben,manchmal schütteln sie
ihrekummervollenKöpfe,alswolltensiebitten:Nein!Nein!“Undauseinem
HaustorkommteineKatzeherausgeschlichen, „springtdann schnurgerade
ihrenGeschäftennach–wieeinHerr,der insBürogeht“.472
469 JohannesR.Becher:WirklichkeitsbesesseneDichtung. In:DieneueBücherschau6(1928).
Nr.:10.S. 491–494.493ff.Zit.nach:SabinaBecker:NeueSachlichkeit.O.
a.:Hier:S. 110.
470 ElseFeldmann:AusderKindheit. In:AZ02.02.1924.S. 10–11.
471 Dies.:BlickausdemHotelfenster. In:AZNr.:64.05.03.1922.S. 5.
472 Ebd.:S. 5.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien