Seite - 129 - in Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
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Frauen […] ist es vielleicht ammeisten vonderNatur gegeben, ‚sachlich‘ zu sein […]:
schmerzhaftdieDingeerleben,ohnedie ‚männlicheTendenz‘desUmschmelzens,Kon-
struierens,Verwertens,siedurchsichströmenlassenundihrenwahrstenKernmiteinem
‚überraschendem‘Wortwiederzugeben?477
FeldmannbeschreibtnichtSeelennöteeinzelnerHelden, individuelleHaltun-
geneinersubjektiverfahrenenWirklichkeitgegenüber, sondernzeigtAuswir-
kungenderZeitumstände imLebensowie inderPsychedervonihrgeschil-
dertenFiguren. Sie vermittelt Tatsächliches, nichtErfundenes, nimmtdem
Beschriebenen gegenüber aber nur bedingt eine distanzierte undobjektive
Haltungein. IhreZeugenschaftergreiftPartei, indemsie imRahmenihrerauf
einMassenpublikumausgerichtetenpublizistischenErscheinungsformaufdie
KenntlichmachungnotwendigerVeränderungabzielt.
LautBecker impliziertdemneusachlichenVerständnisnachaberauchdie
unkommentierteWiedergabedesBeobachtetenundderTatsacheneinekriti-
scheHinterfragungdergesellschaftlichenRealitätundmeintmitObjektivität
„wenigerpolitischeAbstinenzundAffirmationdesBestehendenalsdieAk-
zeptanzgesellschaftlicherGegebenheiten[…],derenRealitätnichtmehrzu
leugnenistunddiediekaummehrzuunterschreitendeBasis füreinekritische
Debatteübersiegeben“.478
IhrmisstmaneinedesillusionierendeStrategiebei, die,wieanhand ihres
BriefesanOttoKönigbereitsaufgezeigtwordenist, auchvonElseFeldmann
verfolgtwird.479 Insofernstimmtdie IntentionvonFeldmannsSchreibenmit
dem1929vonKurtPinthus inHinblickaufneusachlicheAntikriegs-undZeit-
romanegetroffenenBefundüberein: „DassogenannteAllgemein-Menschliche
unddasSozialewirkenindenneuenBüchernnichtdurchumschreibendeKla-
geundAnklage,sonderndurchdieunmittelbargezeigteKraßheitdesZustands
undGeschehens[…].“480
Auch Pinthus’ Befund über die Fähigkeit der Frauen dieserGeneration,
Wirklichkeitunheimlicheinfachdarzustellenunddabei„nichtnurdieFrauen-
Literaturaller früherenEpochen, sondernmanchmalsogardiegleichzeitige
männlicherAutoren [zu] übertrumpfen“, ließe sich auf das Schreiben Else
Feldmannsanwenden:
477 W. E.Süskind:HermannBangundwir. In:DasvierzigsteJahr.1886–1926.FischerAlmanach
1926.Berlin1926.S.
159–165.Hier:S. 163.Zit.nach:SabinaBecker:NeueSachlichkeit.O. a.:
S. 171.
478 SabinaBecker:NeueSachlichkeit.O. a.: S. 188.
479 Vgl.: S. 44vorliegenderArbeit.
480 KurtPinthus:MännlicheLiteratur. In:DasTage-Buch10(1929).Nr.:1.S. 903–911.Zit.nach:
SabinaBecker:NeueSachlichkeit.O. a.:Bd. 2.Hier:S. 39.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien