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Löwenzahn.EineKindheit (1921) 143
bei jedemWetterdieStößemitWäschezutragen,daßmanoftglaubte,man
könnenichtweiter–trotzdemAnnerlsTantezuunsgesagthatte,dasstärkedie
‚Muschkulatur‘.“ (LZ28)
DerUmgangmitdenKinderndes imgleichenHauswohnendenTrödlers
wirdauchvonPloninichtgernegesehen:„Ploniwarärgerlichaufuns,weilwir
mitdenGassenkinderngingen, siehatteesunsschoneinmalverboten,und
weil siekeineZeithatte,mitunszugehen, solltenwirwarten.“ (LZ224)
DerartigenAbgrenzungsgeboten leistetMariannevordemHintergrundder
ErfahrungeigenerAusgrenzungnichtmehrFolge.Siesetzt sicheigeneMaß-
stäbe fürFreundschaftundignoriertdieVorurteilederErwachsenen:
Und sowurdeMilkameineFreundin. Freilichwar sie ein argesMädel […].Aberwas
tat’s? IchhatteeineFreundin!Milkahatteeinen trunksüchtigenVater; ihreMutterhan-
deltemitDienstboten, altenKleidernund Juwelen.DieKinderwurdenoftbeschimpft
undgeprügeltundbekamennichts zuessen;daswardieErziehung.Aber siewarenbe-
reitssoverkommen,daßsiesichnichtsmehrdarausmachtenundLorenzfingbereitsan,
seineMutterzurückzuschlagen.DochwasFreundschaftist,wußtensieallein. (LZ23)
DasgesellschaftskritischePotentialkindlich-kritischerWelterfahrunghatbe-
reitsSloterdijkinseinerStudieüberAutobiographiender1920erJahrehervorge-
hoben,derindiesemZusammenhangauchvon„protopolitischenErfahrungen“
desKindesspricht.Als solchebezeichneterdie„subjektivenErstbegegnungen
mitgesellschaftlichenPhänomenendesWiderspruchs,derZweideutigkeiten
undKonflikthaftigkeit“,528dieGrundlage fürdieAusbildungeiner eigenen,
nichtvonaußenaufoktroyiertenpolitischenIdentitätbilden.
GesellschaftlicheObjekte,Verhältnisse,Bedeutungen,Verkehrsformendringenauch in
dieWahrnehmungsweltderKinderein,auchwennsievonAnfangannichtsobegriffen
werden,wiesiesichdemspätererwachsenenBewußtseindarstellen.Abergerade inder
BrechungdurchdasMediumderkindlichenErfahrungsmusterkönnensichAnsätzekri-
tischerundrealistischerWirklichkeitsauffassungbilden,dieantizipatorischhinausgreift
überdasallzuoftinseineStereotypeneingeschworeneErwachsenenbewußtsein.529
AlsprägenderlebtMarianneaucheineSzene,beider ihreeigeneMuttervom
Werkführerabgekanzeltwird,weil ermit ihrerArbeitunzufriedenist.Fürdas
KindstelltdasErlebenvonOhnmachtundSchwächedereigenenMuttereine
schmerzhafteIrritationdar:
Estatmirweh,wiemeineMutterindembeleuchtetenSaalestandundausgezanktwurde.
Mama, sagte ichaufderTreppe, zeig’mirdeinGesicht.Dasahsiemichanundlächelte
528 PeterSloterdijk:LiteraturundLebenserfahrung.O.
a.: S. 140.
529 Ebd.:S.
130.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien