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LeibderMutter (1924) 155
WennerseinerstesGehalthatte,wennerdieHonorarebezog, füralldievielenArtikel,
die er schreibenwollte – – – EinesNachts konnte ermit der gefüllten Brieftasche in
der ‚Gasse‘ erscheinen. Justinemit ihrenbraunen, leuchtendenKinderaugenkonnte er
kaufen. – Solange erwollte, konnte er sie in denArmenhalten, einMärchen erleben.
(LDM216)
DerKörperFrauMiczeks,derVermieterinLaichs,dienacheinerverunglückten
AbtreibungmiteinernichtmehrzustoppendenBlutvergiftunginsKrankenhaus
kommt,wirdebensozumTauschwertwiederderProstituierten: „Aufdem
Rollbett lag diePatientinmit entblößtemKörper.Die Studenten traten aus
denBänkenheraus,befühlten ihn.FrauMiczekwares,diedort lagundder
Wissenschaftdiente.“(LDM202)Sieerkauftssichdamiteinsoweitwiemöglich
erträglichesSterben:„[…]beiSepsis sparenwirnichtmitMorphium.“(LDM
203)
DermoderneGeist, soresümiertSimmel:
istmehr undmehr ein rechnender geworden.Dem Ideale derNaturwissenschaft, die
Welt in einRechenexempel zu verwandeln, jedenTeil ihrermathematischen Formeln
festzulegen, entspricht die rechnerischeExaktheit des praktischenLebens, die ihmdie
Geldwirtschaftgebrachthat.556
Dieser zeigt sich auch in dem– einem festen, übersubjektivenZeitschema
unterworfenen–großstädtischenLeben,dasdurch„Pünktlichkeit,Berechen-
barkeitundExaktheit“557geprägt istundirrationale, instinktiveundsouveräne
WesenszügeundImpulse,die ihreEigenartgegenüberdervonaußenaufge-
zwungenenLebensformbehauptenwollen, ausschließt: „AmKrankenlager
versagtdieSeele:DerFreundsitzt langeaufdemBettrandundmachtAugen,
die sogut sindwiedieAugeneinergutenMutter, aberheimlichsiehteraufdie
UhrundbedauertdieverloreneZeit.“ (LDM107)Deutlichwirddiesauchan
der ‚entfremdetenArbeit‘ inderFabrik:
DieMenschen, die drinnen an denMaschinen stehen,machen immer denHandgriff.
ZehnStunden täglichdenselbenHandgriff.DortfielendieAbfälle,hierkamdie fertige
Formheraus.ImmernurdenHandgriff,wasauchgemachtwurde.DieMüdigkeitvergeht
nachwenigen Stunden,man ‚spürt sie nichtmehr‘.Die bestimmtenMuskeln arbeiten
wiedieRäderderMaschine.Alleswirdstumpf.MögenindenHerzendieschwärzesten
Dingevorgehenoderdie lichtestenTräumewohnen,dieGliedersindeinMechanismus
geworden,dergehtundgeht. (LDM117)
556 Ebd.:S.
119.
557 Ebd.:S.
120.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien