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LeibderMutter (1924) 173
brikbeobachtet,woFrauenundKinder imAkkordarbeiten,Flaschenreinigen
undEtiketten kleben: „Für tausend Stück vierKreuzer; zehntausend Stück
konntensie ineinemTageerreichen. […]Wennsiefleißigwarenundnicht
schaute[n],nicht spielte[n]undnicht träumte[n].“ (LDM118)Laicherinnert
sichaneinenaltenMann,denmanwegenUnrentabilitätentlassenundspäter
totaufgefundenhat, sowieandiePferde,dieschwerbeladenerbarmungslos
eineAnhöhehinaufgepeitschtwurden:„SeinHerzwar traurig,daßersicham
liebstenaufseinGesichtgelegthätteundgestorbenwäre.“ (LDM119)
Zweite kulturelleVeränderung ist dieEntstehungeiner freienMarktwirt-
schaft,dienachSznaidersAuffassungnichtnureinökonomisches, sondern
aucheinkulturellesPrinzipdarstellt,dasdie„Verhältnisseontologischgleicher
Menschenordnet“601unddamiteinhergehenddasAusmaßdesMitleidsverän-
dert.DerMarkt löst traditionelleGemeinschaften, indenenMitleidaufderen
Mitgliederbeschränktwar, auf.DasEntstehendiesesneuenGemeinschafts-
verständnisses, das dieBindung andie eigeneGruppe– indiesemFall die
Familie–ablöstundaufFremdeüberträgt,wird imRomananderaufMitleid
gründendenBeziehungzwischenLaichundJustinedeutlich.
SiesiehteralsseineeigentlicheSchwesteran:„NichtKornelia, Justinewares.
Korneliabrauchteihnnicht,aberJustine,dieelternloseWaise,dieStraßendirne
brauchteeinenFreundundBruder.“ (LDM243)
DerMarkt, soSznaiderweiter,macheaus„ehemaligenFreundenundFein-
denFremde,diesichalle imselbenUniversumbegegnen“.602Bildlichgespro-
chen, setztdieMarktwirtschaftdieMenschheit indasselbeBoot.Dermoderne
Mensch–mandenkeanSimmelsBefundüberdieArbeitsteilung– lebtnicht
fürsichallein, sondernistgezwungen,sichundseinLebenimZusammenhang
mit seinenMitmenschenzubegreifen.DieuniversalisierendeKraftdesGeldes,
dieeineneueGesellschaftgleichgültigerMenschenhervorgebrachthat,macht
MitleidmitdemFremdenerstmöglich.DieneuemoralischeOrdnung,deren
VertreterdermoderneFremde ist, der anderselbenGesellschaft teilhatwie
man selbst, beruht auf Entfremdungundhat einequalitativ neueFormdes
Mitleidshervorgebracht.
VoraussetzungfürdieseneueFormdesMitleids istnachSznaiderdasEigen-
interesse,dasnichtmitSelbstaufgabezuverwechselnsei.DieGrenzezwischen
EigeninteresseundSelbstaufgabe ist imFalleLaichsunscharf.Aufdenersten
Blickerscheint seinHandelnals selbstlos, selbstaufopfernd, ja sogarselbstge-
fährdend,daer,wieschonerwähnt, seineeigenenInteressenaußerAcht lässt,
umanderenzuhelfen, unddabei –nichtnur imübertragenenSinn– ‚sein
letztesHemdopfert‘.UmGeldfürdiekrankeProstituierteFlorazubekommen,
601 NatanSznaider:ÜberdasMitleid imKapitalismus.O. a.: S. 20.
602 Ebd.:S.
20.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien