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176 Romane
ÖffentlichesMitleidhatseinetheoretischenundhistorischenGrundlagennicht imgött-
lichenWillen, sondern inder abstraktenundrationalen IdeederMenschheit, die auch
alsGrundlage fürdendemokratischenKapitalismusdient.605
DerGleichheitsgedankeüberträgt sich imdemokratischenKapitalismusauch
auf denmoralischenAnspruch.Wer sichdasLeid anderer vorstellenkann,
begeht keineGrausamkeiten. „Mitleid ist keineGefühlsduselei. Es ist auch
keineveräußerteGefühlswelt.“606
Ausgangspunkt fürdasmoderneMitleid istdieErfahrungdeseigenenLei-
dens.SznaidersiehtReserviertheitgegenüberanderen,wiesiederkapitalisti-
scheIndividualismusnachsichzieht,derdamitdasLeidenhauptsächlichals
selbst erfahrendesLeidbegreifbarmacht, alsmitverantwortlich fürdasmoder-
neMitleid,beidemsich„SelbstliebeundderWille, sichumanderekümmern
zuwollen“,607nichtmehrausschließen.
ImGegensatz zu der vormodernen FormdesMitleids ist das ‚moderne
Mitleid‘unheroisch,nichtdemonstrativ.SowohlSelbstliebealsauchMitleid
existieren indiesemunheroischenBereich, indemmannicht aufGemein-
schaftsnostalgiebaut, sondern, soSznaider, alseineGesellschaftvonfremden
undentfremdetenMenschennichtanderskann,alsmitleidigzusein.
ReligiöseKulturenunterscheidenzwischengöttlichemundmenschlichem
Mitleid.DiekapitalistischeModernehabe, soSznaider,hingegendensensiblen
Menschenhervorgebracht.
DenEinwändenvonKritikern,dassdieaufdemUnpersönlichenaufbauende
kapitalistischeWeltkeineSolidaritätkenneundeinSystem,wojeder isoliert
ist,Moralverunmögliche,hältSznaiderseineThesevonderEntwicklungei-
nereigenenFormdesHeldendaseins imKapitalismusentgegen,diemitdem
Verbürgerlichtennichtsmehrgemeinhabe:„Der ‚mitleidende‘Bürger istein
solcherunheroischerHeld.Eristunabhängig,aberdochmitanderenMenschen
verbunden.“608
Unabhängigkeitwill er in diesemZusammenhangnicht alsNichtabhän-
gigkeit und Isolierung, sondernals „Unabhängigkeit vomWillen spezifisch
Anderer“609verstandenwissen.TatsächlichermöglichtderKapitalismusden
Austauschderjenigen,mit denenman sich solidarisierenkann, und schafft
damitoptimaleVoraussetzungenfürdieEntwicklungeinessubjektivenGefühls
vonFreiheit,wiesieauchSimmel inderGroßstadtgegebensieht.DieEntper-
sonalisierungderAbhängigkeit imKapitalismusschafftdasGefühlder inneren
605 NatanSznaider:ÜberdasMitleid imKapitalismus.O. a.: S. 30.
606 Ebd.:S.
32.
607 Ebd.:S.
32.
608 Ebd.:S.
35ff.
609 Ebd.:S.
36.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien