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LeibderMutter (1924) 183
Selbstgefälligkeitobihres„Heldentum[s]“(LDM199),dieFolgenderSexualität
zutragen,werdenvielmehrkommentarlos inFragegestellt.
NachBascoyLamelasbrichtdieKindsmörderinFrauMiczekmitdenMus-
tern,die ihralsFrauvonderGesellschaftvorgegebensind,undübernimmt
eine„aktive, jedochselbst-undweltzerstörendeRolle“.617MütterlicheGewalt
deutet siealsKonsequenzsowohlderpatriarchalenOrdnungalsauchdesöko-
nomischenSystems, indemdieunterensozialenSchichtenverarmenundeine
ErfüllungderMutterrolleverhindertwird.
IndemtitelgebendenLeibderMutter siehtBascoyLamelasein„Symbolder
InstrumentalisierungvonFraueninderGesellschaft“,618mitdemFeldmanndie
ObjektivierungdesweiblichenKörpersinderzeitgenössischenGesellschaftmit
demMutterschaftsidealdesherrschendenWeiblichkeitsdiskurseskonfrontiert
unddamitdenWiderspruchzwischenIdealundWirklichkeitaufzeigt.
DieAssoziationvomMutterleibmiteinemOrtderGeborgenheitunddes
Schutzeswird inLeibderMutterdurchdie tatsächlichenZuständekontrastiert.
DieKinderderSchustersfrauschützendieMutterbeidenGewaltausbrüchen
desVaters: „Wennersie schlug, stellten ihrearmenkrüppelhaftenGestalten
sich ihmindenWegundschütztendenLeibderMutter“ (LDM98),der für
dieExistenzunddasÜberlebenderNachkommenschaftverantwortlich ist,
wohingegenderVater sowohldasLebenderMutteralsauchdasderKinder
gefährdet.AlsOrtdesAusgesetztseinsundderVernichtungerscheintderLeib
derMutteranandererStelle,wodienacheinermisslungenenAbtreibungim
Sterben liegendeFrauMiczekalsmedizinischesAnschauungsobjektdient:
‚Wassiehiersehen,meineHerren‘, sagtederProfessor, ‚istnichtsGeringeresalsderLeib
derMutter.Hier, indiesemTeile,denSieaufdenZeichnungensehen,vollzieht sichdas
GeschehenderMenschwerdung.WirhabenhierdieGelegenheit, aneinervierunddrei-
ßigjährigenFabrikarbeiterindie fortschreitende Sepsis bis zum letalenAusgang zube-
obachten.WirwerdendiesmaldieSepsisbis zumletalenAusgangdurchnehmen.Bitte,
mir jetztzusagen,wasIhreWahrnehmungensind,ehewirschließen.‘ (LDM202)
AnhandderPassivitätdessterbendenKörperssiehtBascoyLamelasdie„Un-
möglichkeitderFrau[aufgezeigt], sichvonderMachtdersozialenundsym-
bolischenStrukturenzubefreienundsiezuändern“.619DieProblematikder
VormachtstellungdesMannesgegenüberderFrau,derüberKörperundSeele
derFraubestimmtundsie, trotzIdealisierungderMutterschaft,alsminderwer-
tigesWesenbetrachtet,wird inLeibderMuttermitall ihrennegativenFolgen
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618 Ebd.:S.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien