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190 Romane
DieTatsachemateriellerNot, die sich inden JahrennachdemErstenWelt-
kriegnochverschärft, ist vorallemfürFrauenausdenunterengesellschaft-
lichenSchichtenausschlaggebenderGrundfĂĽrdieProstitution.ZurZeitder
JahrhundertwendekommtdieMehrzahlderWienerProstituierten–wiedie
ProtagonistinMartha–ausdemVorstadtproletariat sowieausdemärmlichen,
ländlichenUmfeldundrekrutiert sich, zumalderÜbergangzwischenregel-
mäßigerundGelegenheitsprostitutionzudieserZeitfließendist, ausverschie-
denenBerufsgruppenwie:Fabrikarbeiterinnen,Handarbeiterinnen,Stuben-
undDienstmädchen,Verkäuferinnen,Schauspielerinnen,Tänzerinnenund
Ballettmädchen.640WieFeldmannaufzeigt, ist inalldiesenBerufensexuelle
BelästigungamArbeitsplatzgangundgebe.Soberichtetz. B.Antoniavondem
FalleinerKolleginausdemSpital,diegekĂĽndigtwurde,nachdemsiebehauptet
hatte,vondemSohndesVerwalters indenKellergelocktwordenzusein,„du
kannstdirdenkenwozu“(MUA81);dasKindermädchenmuss–inFormeines
umgekehrtenReigens–demHausherrn641unddieTänzerindemDirektordes
Varietés642 gefügigsein. IndemFeuilletonDieerstenTage inderFabrikerzählt
Feldmann,wiesieals jungesMädchenselbstOpferderNachstellungenihres
Vorgesetztengewordenist.643
ZudensozialenUrsachenzählen, soBauer, auchdas „schlechte[…]Vor-
bild“644 durch andere Frauen sowie die Erziehung.Über denVater erzählt
Martha: „ErwarkeinstrengehrlicherMann[…]“(MUA20)Undübersich
selbst: „Ichmußauchdassagen: Ichhabegestohlen.“ (MUA26)
DerVerfasserdesArtikelsĂĽberdieGrĂĽnde fĂĽrProstitution inderArbei-
terinnenzeitung verweist aufdenUmstand,dassdieMehrheitderMädchen
bereits sehr früh,„ohneernstlicheBildungundohneAufklärungüberdieGe-
fahrendesLebens,aufsichselbstangewiesensind“645unddieProstitutonin
denJahrennachdemErstenWeltkriegomnipräsent ist: „Solangedie Jugend
derProstitutionaufSchrittundTrittbegegnet, ist esnichtzuvermeiden,daĂź
sie ihrOpferwird.“646
Martha,dienacheinemWohnungswechselderFamilie„dieSchuleverlassen
[hat]“–„meinAbgangszeugniswarschlecht. IchhattenurwenigeKenntnisse
640 Vgl.:DomenicoJacono:DerSexmarkt imWiendesFindeSiècle.O. a.: S. 2.
641 Vgl.:ElseFeldmann:DasFräulein. In:AZNr.:210.02.08.1925.S. 15–16.
642 Vgl.:dies.: In:AZNr.:154.05.06.1927.S. 17–18.
643 Vgl.:dies.:DieErstenTage inderFabrik. In:AZNr.:361.31.12.1929.S. 4–5.
644 Vgl.:BernhardA.Bauer:WiebistduWeib?O. a.: S. 523.
645 F. P. (=FranzProbst?):ProstitutionundGesellschaftsordnung.UrsachenderProstitution.
In:ArbeiterinnenzeitungHft.:22.1919.S. 3–4.Hier:S. 3.
646 F. P. (=FranzProbst?):ProstitutionundGesellschaftsordnung.BekämpfungderProstitution
undihrerFolgen. In:ebd.:Hft.:23.S. 5–6.
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© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien