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226 PoetikdesSchreibensvomRand
Wennich[Martha,Anm.v.m.]nachtsdieGassenabgeschrittenundindasDunkelhin-
eingehorcht hatte, hatte ichmehr als einmal daran gedacht, daß ich unrettbar zu den
Verdammtengehöre.AnalledieFrauendachte ich,dieumdieseStundein ihremHeim
lagen–seiesnur ineinerKammer, ichbeneidetealle,dienichtmeinLoshatten. (MUA
126)
OftschrieJohannamitteninderNacht,angstvollundgräßlich,wiemanumHilfeschreit.
Wirwachtendavonauf, schliefenabergleichwiederein;dieSchreieverhallten imDun-
kel. (LZ237)
AuchdieKüche, inderderarbeitslose Jugendlicheschläft, istdunkel: „Er ist
erst sechzehnJahrealt; aberwenner so imDunkeln liegtundderKummer
ihmdurchdasHerzziehtundseinKopfalldie traurigenGedankenfaßt, all
dieErlebnisseaufderArbeitssuche,dannistes ihm,alswäreeruralt.“743
DritteAuswirkungdesRaumesaufseinesozialeGestaltungistdieFixierung,
welcheerseinenInhaltenermöglicht,unddie ihreStruktur– jenachdem,ob
eineGruppe,TeileeinerGruppeoderwesentlicheGegenständeihresInteresses
örtlichfixiertodernicht lokalisierbarsind–erheblichbeeinflusst.
Drehpunkt
Eine spezielle soziologischeBedeutung schreibt Simmel dem„Drehpunkt“,
derräumlichenFestlegungeines Interessengegenstandes, zu,umdensichbe-
stimmteBeziehungsformengruppieren.VonsoziologischerRelevanz ist ein
solcherDrehpunktüberalldort, „wodieBerührungoderVereinigungsonst
voneinanderunabhängigerElementenuraneinembestimmtenPlatzegesche-
henkann“.744AlsBeispiel solcherDrehpunktenenntSimmelKirchen,dieals
räumlicheFixierungzumDrehpunkt fürdieBeziehungunddenZusammen-
halt ihrerGläubigenwerden, Städte alsDrehpunktedesVerkehrs fürderen
engereundweitereUmgebungsowie,alseinespezifischesoziologischeForm:
dasRendezvous.
EinsolcherDrehpunkt istbeiFeldmanndasKaffeehaus,einOrt inderGroß-
stadt,wounterschiedlicheGruppenvonMenschenaufeinandertreffen:
Daswarendiegroßen,weltstädtischenZusammenkunftsorte,dieCafés,und jedeFigur,
die an denMarmortischen saß, war derVertreter eines besonderen Schicksals. […] –
Menschen ohne Freude, ohneHeim, ohne Liebe; kleine großmannssüchtigeKommis,
Buchhalter,Geschäftsreisende,die außerhalb ihresLohn-undSklavendaseins freizügig
genießenwollten; alledieHochstapler, Jugend,die sich fürwerweißwasausgab–und
dieunglücklichenMädchen,derenJugendinwenigenJahrenverging[…]. (LDM223)
743 Dies.: SchlafloseNachteinesArbeitslosen. In:NWJNr.:9039.01.01.1919.S. 8–9.Hier:S. 9.
744 GeorgSimmel:SoziologiedesRaumes.O. a.: S. 148.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien