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Raumals„klarsteDokumentierungrealerKräfte“ 227
DasKaffeehaus ist inmehrfacherBeziehungwirksam.Es istnichtnurOrt für
Kultur,GesellschaftundPolitik: „[…] jetztbegannderHerbst,dieTheaterzeit
begann,regesKaffeehausleben,neueModen,Neuigkeiten,politischeVorgänge,
derWirtschaftskampf,dasöffentlicheLeben.“ (LDM192)Es istauchArbeits-
platzderLiteraten (vgl. LDM214)undZufluchtsort fürEinsame: „Endlich
imsicherenHafen:Kaffeehaus.Wieangenehm,wennmaneinenschonkennt,
weiß,wasmanbestellt,welcheZeitung–manhatnichts zu reden;wie eine
guteHäuslichkeit istdas, so traut.“745 „ImCaféwurdeesstillundintimwie in
einerWohnung“746Undschließlich isteseinOrtdesVerderbens:„Er trat in
dasCaféundeswar ihm,als träteer indieWeltderunheimlichenSchatten
ein.“ (LDM162)
IstdasKaffeehausamTagnochTreffpunktfürdas„besserePublikum“(LDM
167), sowirdesamAbendzurDrehscheibederProstitution:
SiekamenvondendunklenGassenmitdenfinsterenHöfen, aus ihrenengen, schmut-
zigenStubenundverseuchtenBetten indasLichtund indieHelle, indieLebhaftigkeit,
denGesangunddenTrubeldesCafés. (LDM163)
HierherkamenFrauen,diesichnichtaufderStraßeanbietenwollten.[…]DasKonzert-
caféwarder richtigeneutraleTreffpunkt.DieMusikmachte Stimmung; eswurde eine
VerdiOpernachder anderengespielt.Hier standenSchicksale aufdenGesichtern; die
PaaresaßenzusammenundtatenwiezuHause.DannwarenTische,woeinzelnesaßen.
[…]Es fanden sich auch ganzeGesellschaften ein, Familien aus derProvinzmitKind
undKegel, zudumm,umgleich zumerken,wo sie sichbefanden.UndvieleMädchen
ausdenGeschäften,[…]dienochetwasvomLebenhabenwollten,solangesie jungund
hübschwaren. (LDM219ff.)
DemKaffeehauswohntabernichtnuralsUmschlagplatzderkäuflichenLiebe,
sondernauchalsTreffpunktder jungenIntellektuellendestruktiveKraftinne:
AuchdasKaffeehaushatseinenDämon.EsverbrauchtEnergie,NervenundJugendkraft.
Die jungenMenschen,die immerimKaffeehaussitzen,gehenwieimKreise,wieeinun-
heimlichesperpetuummobilewandernsie,ohne jezueinemZiel zukommen.Diegro-
ßeundverbreiteteKaffeehauskrankheitderGroßstädteristdieNeurasthenie.Diearmen
Krankenredenimmereinergescheiteralsderandere,abersiehabennichtdieKraftder
Tat.747
IneinemArtikel imMorgenunmittelbarnachKriegsendeschreibtFeldmann
überdasKaffeehausleben:„DasLebenindenKaffeehäuserngroßer,belebter
745 ElseFeldmann:Monologdes Junggesellen. In:DerTagNr.:1797.04.12.1927.S. 20.
746 Dies.:TravestiederLiebe. In:AlexanderKluy(Hg.):ElseFeldmann.TravestiederLiebeund
andereErzählungen.O. a.: S. 7–15.Hier:S. 9.
747 Dies.:OhneHeim.In:NWJNr.:9385.21.12.1919.S. 7.
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© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien