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Raumals„klarsteDokumentierungrealerKräfte“ 233
dieser seelischenEntwicklungsstufe istdie sinnlicheNähefürdasBewusstsein
desZueinander-Gehörensnochunabdingbar.
AufKonsequenzendiesernaturgegebenenNotwendigkeit fürMüttermacht
FeldmannanmehrerenStellenaufmerksam.Sobeschreibt sieMütter,die ihre
Kindermit in die Fabrik nehmen und dafür inKauf nehmen, weniger zu
verdienen:„Oftwirdsie inderArbeitaufhörenundnachsehenkommen,ob
esschläft.Dafürwirdsie fünfzigFlaschenweniger füllen–aberwassollman
machen,wennesnicht allein inderBarackebleibenwill.“ 758 (sowie: LDM
120)AnderebetäubenesmiteinemSchlaftrunk:„SiehieltendamitdieKinder
TagundNacht inSchlafundkonntenungehindert ihrerArbeitnachgehen.“
(LDM79)DamitriskierensienichtnurbleibendeSchäden,sondernaucheinen
möglichenKindstod.
InsFanatischegesteigertkannallerdings,wieschonimKapitelüberMutter-
liebeangeklungen,auchMutterliebezurGefahrwerden.Feldmannbeschreibt
Mütter,die sich ihreKinderumdenLeibbinden,ummit ihnengemeinsam
indenTodzugehen(vgl.:LDM98)oder ihnendieChanceaufHeilungver-
wehren,wiedieMutter,diedenPlatz ineinerLungenheilstätte für ihreTochter
nicht annimmt,weil sie sichnichtvondemKind trennenkann: „[…]diese
wahnsinnigekrankeMutterliebebringt ihrdenTod.“759AuchMarthamuss
Antonia,derihrKindweggenommenwird,weilsietuberkulösist, insGewissen
reden: „Die erstenTage tobte sie, sie halte es ohneKindnicht aus, sie gehe
hin,esholen.“ (MUA147)„Ichrede,was ichnurkann,underhebedabeidie
Stimme,umsie zuüberzeugen,umdievorMutterliebeRasendevon ihrem
Vorhabenabzubringen.“ (MUA148)
Beispiel füreineungeklärte,sichineinemunausgesetztenSpannungszustand
befindlicheBeziehungistdiezwischenMarthaundDr.WladimirHorowsky:
Marthakannsich ihreneigenensinnlichenBedürfnissen,derenErfüllungge-
sellschaftlicheNormenimWegestehen–„[…]wehe,wennwirsiezwangsweise
zu fühlenkriegen.“ (MUA187)–,nichtentziehen,undistdaher in ihremVer-
lauf (soweitman ihn indemFragmentgebliebenenRomanverfolgenkann)
vonständigenAnziehungenbzw.Abstoßungengeprägt.
Martha fühlt sichzwarstarkvondemelegantenDr.Horowskyangezogen,
verbietet sichaberzunächst, auf seineAvanceneinzugehen:„Nein, ichwerde
nichtzu ihmgehen.Nein, sozudringlichwill ichnichtsein.“ (MUA184)Bei
ihremerstengemeinsamenSpaziergangbleibt sienochaufDistanz:
Manchmal, wennwir an eine abschüssige Stelle geraten oder zu Stufen, greift er nach
meinerHandoderberührtmeineSchulter, aberdaweiche ich ihmunauffällig aus, ich
758 ElseFeldmann:Gebet imFrühling. In:NWJNr.:8812.16.05.1918.S. 3.
759 Dies.:Das istdasGlück.EinBildausunserenTagen. In:DANr.: 134. 13.06.1916. S. 3–4.
Hier:S. 4.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien