Seite - 234 - in Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
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234 PoetikdesSchreibensvomRand
richte gerademeinenHut oder ich schlieĂźe denKragen anmeiner Jacke, den oberen
Knopf. (MUA185)
ImVerlauf ihresKennenlernens kann sie sich seinerWirkung auf sie aber
nichtentziehen:„SoofticheinesolcheBewegungmache, ihnabzuwehren,sieht
ermichplötzlich,ohnezureden,an, sodaßichzittere.“ (MUA185)Martha
gestehtsichihreGefühlezwarein–„Einesseheich, ichkannnichteineMinute
aufhörenanihnzudenken,[…]“–,versuchtaber, siezuunterdrücken:„[…]es
müßteaufhören,dennichmußmichnurzubalddamitvertrautmachen,mein
altesLebenaufzunehmen.“ (MUA191)Nachdemambivalenten(Liebes-)Akt
in demalten Schloss ist die Beziehungweiter unklar: „Ich laufe andiesem
letztenodervorletztenAbendganzverstörtundverwirrtherumundsuche
Wladimir.“ (MUA275)UndauchderUmstanddergemeinsamenHeimreise
bringtkeineKlärung: „[…]daraus sindkeineSchlüsse zuziehen,wennwir
zusammenreisen,daßwirdasgleicheZielhaben–seinUrlaubgehtzuEnde
undmeinGeldgehtzuEnde,das istalles.“ (MUA274)
ImGegensatzzuBeziehungeninsinnlicherNähefordernBeziehungenauf
Distanz, soSimmel,einenGradintellektuellerEntwicklung,dieFähigkeit,über
dassinnlichNächstehinauszuempfinden.DersinnlichereCharakterder loka-
lenNäheäußert sich indemUmstand,dassmanengBenachbartenentweder
freundlichoder feindlichgegenübersteht, eineIndifferenz,wiesiedurchräum-
licheDistanzentstehenkann, aber ausgeschlossenbleibt. Intellektualität als
VoraussetzungzurÜberwindungräumlicherEntfernunggehtmitdemHer-
absetzenextremerGefĂĽhle,gleichvielobLiebeoderHass, einherundschafft
SachlichkeitundDistanz.760
MitAbstandbetrachtetrelativierensichauchMarthasGefĂĽhlefĂĽrWladimir:
„SeinGesicht ist jawirklichschön,besondersdieZähne.Obesseineeigenen
sind?Siesindzuporzellanweißundregelmäßig, soschön,daßmansichärgert,
wenner lächelt, sie sindetwasAuffallendesanihm[…].“ ImNachdenkenüber
WladimirmussMarthasicheingestehen:„ErhateinigesUnangenehmeansich:
[…]ErhatdieSchrulleneines Junggesellen.DasmagschonderFall sein. Ja,
ichhabe ihnimVerdacht,daßerknauserig ist, geizig.“ (MUA276ff.)
ErscheinenRuhe,GemessenheitundAffektlosigkeiträumlichentfernterVer-
hältnissedemnaivenDenkenoftalsFolgederDistanz, sosinddieseeigentlich
nurdaraufzurückzuführen,dass inderräumlichenEntfernungErregungen,
Reibungen,AttraktionenundRepulsionen, dieNäheunweigerlich erzeugt,
ausgeschaltet sind.Dadurch,dass räumlicheNäheausschließlichdezidierte
Empfindungenhervorruft,wirdsieentwederzurGrundlagedesüberschwäng-
lichstenGlücks–„Wirsitzenengbeisammen. […]meinKopf liegtanseiner
760 Vgl.:GeorgSimmel:SoziologiedesRaumes.O. a.: S. 158.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien