Seite - 243 - in Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
Bild der Seite - 243 -
Text der Seite - 243 -
Raumals„klarsteDokumentierungrealerKräfte“ 243
wir erst durchAnstößeundZurückweisungen, durchEnttäuschungenund
Anpassungen.Diese imGegensatzzuderunseresKörpersunsichereGrenze,
die ihreRelativitätauchnachSchwankungenindenAnfängeneinerBeziehung
nievölligverliert,wirdbesondersbeiLosgelöstheitausdemgewohntenMilieu
leichtkenntlich: IneinerneuenUmgebung,FremdengegenüberverlierenMen-
scheninderRegeldenMaßstabfürdasSich-Geben,könnennichtwiderstehen,
SuggestionenRaumzulassen,undgeratendadurch in innereUnsicherheiten,
die sienichtmehrzurücknehmenkönnen.AufdenUmstandderzeitlichen
Begrenztheit einersolchenBekanntschaftführtSimmelzurück,dasswirge-
wohnteReservendemjenigengegenüber,vondemwirwissen,dasswirmit ihm
nachder einmaligenOffenbarungnichtsmehrzu tunhabenwerden,umso
leichteraufgeben.
WährendHorowskyMarthaseineAngstvordemÄlterwerdenoffenbart–
„Jetzthabe ichdirdasGeheimnisvollsteübermicherzählt.“ (MUA256)–,hält
MarthadieAngstvorderVerurteilungdavonzurück, sichpreiszugeben:
Ist esmenschenmöglich und unausdenkbar, demHerrn LandesgerichtsratDr.Wladi-
mirHorowsky ein solches Erlebnis zu erzählen.Und vielleicht sogar das Erlebnis der
Erlebnisse,meinenerstenAbend,da ichvorHungerundSorgeummeineGeschwister
getriebenzurWaringer liefundmicheinkleidete?Nein,das istunausdenkbar.Erwürde
michwegschleudernundübermichwegtretenwieüberUngeziefer. (MUA280)
DaallemenschlichenVergesellschaftungenwesentlichdurchdieVorstellung
derZeitdauergeprägtsind,fürdiemansiebestimmtglaubt,kanndieAnnahme
einerkürzerenZeitdauer zu einer intensivenAusnutzungdesVerhältnisses
führen.„EinenTagistnochZeit?“(MUA278)VordiesemHintergrundverlockt
eineReisebekanntschaftdurch ihrescheinbareAnonymitätunddasu. a.damit
verbundeneGefühl, dass sie zunichts verpflichte, zuVertraulichkeiten, die
manin langdauerndenBeziehungenzurückhält. „Ach, soll esnichtsanderes
werden, als daßer eineFraumehrgehabthat–die, unddie, und inMeran
waresebendie.“ (MUA278)„Vielleicht ist esdasBeste, ich lasse ihn laufen,
einekleine,nichtssagendeBekanntschaftaufReisen,undnichtsweiter,man
vergisst.“ (MUA277)
ÜberräumlicheProjektionensocialerFormen
InseinemAufsatzÜberräumlicheProjektionensocialerFormenkehrtSimmel
dasbisdahinangenommeneWirkungsverhältnisvonderGestaltungdesRau-
mesaufsozialeVorgängeum, indemer„dieEinwirkung,diedieräumlichen
BestimmtheiteneinerGruppedurch ihresocialenGestaltungenundEnergien
erfahren“,769untersucht.
769 GeorgSimmel:ÜberräumlicheProjektionensocialerFormen.O. a.: S. 201.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien