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246 PoetikdesSchreibensvomRand
immerverschlimmern.“777AuchmancheStraßensind„voneinerVerwahrlo-
sung,wiemansie inkeinerzweitenGroßstadt sieht“.778
Nichtnur in ihremFeuilletonüberdieVolkskrankheitRachitis prangert
Feldmanndie„unsozialeBauart“dieserHäuseran:
Esgibtviele tausendHäusermitKellerwohnungeninallenBezirkenWiens.Wennman
dieseHäuserbesucht, fällteinemvorallemeinesauf:dieAusnutzungdesRaumesistbis
ins Fanatische gesteigert. Es gibtHäuser, indenenmehr als hundertKinder leben. Ich
habevorachtTageninderBrigittenaueinHausgesehen,[…]indemnieStiegengekehrt
werden. EinHof, in den vier Fensterfronten von vierHäusern gehen, ist ein einziger
Kehrichthaufen.779
IndemBerichtüberDieneuenHäuservonWien schildert siedasBestreben
kapitalistischer Bauherren früherer Jahre, […] dieWohnungen in denMietskasernen
möglichst eng, dumpf, luft- und lichtlos zumachen. Tür anTür nisteten –man kann
nichtsagenwohnten–MenschenwieUngeziefer. […]DieKinderfürchtetensichinden
Räumen;dieErwachsenenstießen sichaneinander, das engeZusammensein lösteHaß
undEkel gegeneinander aus. […]mannutzte denRaumbis zurGrausamkeit, bis zur
Bestialität aus:manmachte Erdlöcher, in den Erdgeschossen, dorthin setzteman die
Ärmsten,dienichtviel zahlenkonnten.780
DeutlichwirddasräumlicheMachtgefälleauchinUnserschönesZimmer,indem
FeldmannderangesichtsherrschenderWohnungsnotinderZwischenkriegszeit
gängigenPraxis,dasschönsteZimmereinerWohnungzuvermieten,eineigenes
Feuilletonwidmet.781
Darinschildert siedasGefühlderEnttäuschung,dassieempfindet,als sie
versteht,dassdas imGeistebereits für sich inBesitzgenommeneZimmer, für
einenzahlendenUntermieterbestimmtist:
Undwieder schlich ichzurück indenWinkel, lehntedenKopfandiekalteMauerund
betrachtetedenengen,dunklenRaum,indemnichtsstandalsmeinEisenbett,derSessel
fürdieKleider, dasBuch: ‚DerGraf vonMonteChristo‘, dieKerze– sonstnichts.Hier
mußteunwiderruflichdieHeimatmeiner Jugendbleiben.782
777 Dies.:MenschlicheTragödien. In:NWJNr.:9481.28.03.1920.S. 9.
778 Dies.:WienerKinderelend. In:NWJNr.:9056.19.01.1919.S. 6.
779 Dies.:BilderdesElends.Rachitis. In:NWJNr.:9105.09.03.1919.S. 5–6.Hier:S. 6.
780 Dies.:DieneuenHäuservonWien. In:AZNr.:268.30.09.1923.S. 15.
781 ErwähnungfindetdasPhänomenderZimmervermietungauchimmerwieder in ihremübri-
genWerkvgl.:LDM12;LDM147;LZ2 14;ElseFeldmann:Dini. In:AZNr.:17628.06.1925.
S. 18.
782 ElseFeldmann:UnserschönesZimmer. In:AZNr.:183.05.07.1927.S. 3–4.Hier:S.
4.
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© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien