Seite - 249 - in Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
Bild der Seite - 249 -
Text der Seite - 249 -
Raumals„klarsteDokumentierungrealerKräfte“ 249
MenschenohneHeim.Solangewirdasnichtändern,habenwirnichtdasRecht
unszubeklagen,derArbeiter saufe, statt zuarbeiten.“792
DasFehlendesHeimsführtzueinerVerlagerungdesprivatenLebens inden
öffentlichenRaum:„Darumtreffenwirheutediese traurigenFiguren,die fern
vonmenschlichenWohnungenihrLebenverbringen.“
DerTagesplander ‚heutigen‘unterenSchichten ist […]ungefähr folgender:Proletarier
im Gelegenheitsverdienst (Hilfsarbeiter): Mittagstisch: Ausspeisung – Volksküche,
abends Branntweinschenke […].Die Jugend hat das Kino und die Prostitution.Qua-
lifizierter (gewerkschaftlicher) Arbeiter: Mittagstisch: eine Fabrik- oder öffentliche
Ausspeisung, abends dasWirtshaus oder dieWeinstube. […]Der Beamtenstand, die
Intelligenz, dieArbeiter der geistigenBerufe, sie liegendanieder. […] IhrMittagstisch
ist die Gemeinschaftsküche. Abends gehen die Alten in den kalten, finsteren Stuben
baldzuBett.793
ÖffentlicheAusspeisungen,Kaffeehäuser,Weinstuben,Branntweinschenken,
Spielhöllen,KinosunddieGassealsOrtderProstitutionsindAuffangbecken
fürdie„ausallerOrdnunggefallen[en]“794Menschen,dieandenRandderGe-
sellschaftgedrängtwerden. InderWärmestube fürObdachloseamStadtrand,
„dortwoalleGassenundStraßenenden,nur freierHimmel“ ist, sieht sie: „Ein
Symbol.HierhatdiemenschlicheGesellschaftihrEnde.“795
Prekär istdasFehlenprivatenRückzugsraumesauchfür jungeLiebespaare:
Vorgesternwarensiewieder indieMuseengegangen.EswarTauwetterunddieSchnee-
massenwurdenzuWasser.Zuletztregneteessogar[…].Wirkonntennirgendshingehen.
[…]FürsKaffeehaushattenwirkeinGeld.Wirwolltenauchungestört sein. Imschmut-
zigenRegenstandenwir, ineinerSchneepfütze.MeineFüßewarennaßundkalt.796
Anderenehmen für ihrTête-à-TêteZuflucht inder Straßenbahn– „Imge-
schütztenWinkel des halbleerenWagensfinden sie zwei Plätze.“797 –, dem
Kinooderder freienNatur:
Unkrautwiesen,aufdenenimSommernurwenigKleeundDistelnwachsenunddieein
paarmagerenZiegenalsWeidedienen,werdenindenNächten–wieschönmögenhier
792 ElseFeldmann:OhneHeim.In:NWJNr.:9385.21.12.1919.S. 7.
793 Ebd.:S.
7.
794 Ebd.:S.
7.
795 Dies.:DieWärmestubensinderöffnet! In:AZNr.:330.29.11.1932.S. 6.
796 Dies.:LiebeohneHoffnung. In:AlexanderKluy(Hg.):ElseFeldmann.TravestiederLiebe
undandereErzählungen.O. a.: S. 48–50.Hier:S. 50.
797 Dies.:VordemKino. In:ebd.:S. 21–25.Hier:S. 21.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien