Seite - 263 - in Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
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VonderGesellschaftabgeschnittene, ‚andereRäume‘–Heterotopien 263
wissenesmit letztemVerstand:Hierdürfensienicht lautwerden!Spitalord-
nung!“842DasSpital inderGroßstadterscheintwieeinevomLebenabgetrennte
Parallelwelt:
Wennmanvondraußenkommt,vonderStraße,vonderWelt, fühltmaneinenAugen-
blickdiebeklemmendeStille.DraußengehtdasLebenweiter:manhörtdieSignaleder
StraßenbahnundderAutos, derLärmunddieErregungderMenschendringendurch
dasoffeneTorherein.Zeitungenwerdenausgerufen…Hier, aufdenBettenunterden
BäumenliegendieKranken.843
Inden„vielenHöfendieserKrankenstadt“siehtman:Kriegsverletzte,galizische
Flüchtlinge,KindermitamputiertenBeinen,Schwangere,dieaufdieGeburt
ihres Kindeswarten.Hoffnung, Schwermut undVerzweiflung liegen nahe
beisammenundüberderganzenSzeneriewehtalsMementomoriderKlang
desSterbeglöckchens.
InErinnerunganeineneigenenSpitalsaufenthaltberichtetFeldmannvon
demstarkenKontrastdesLebens ineinemKrankenhausbeiTagundNacht:
Sieht „so einKrankensaal [tagsüber] sehr hübsch, fast freudig aus – keine
Verbände,keineblutigenGlieder.Alles isthier schneeweiß,dasmachtsowohl-
habendenEindruck.Wie imSanatorium“, soändert sichdasBild inderNacht:
„Dasentsetzliche, schreckensvolleLebenbricht indieSpitalsruheein[…].Die
NachtderSelbstmörder.DieGerettetenwerdengebracht.“844
BereitsineinemihrerfrühenTextenochvordemErstenWeltkrieggibtsieih-
reEindrückevoneinemSederabendimAllgemeinenKrankenhauswieder,wosie
die„traurigeGemeinde“,die„langen,bleichen,schleichendenGestalten, inihre
Spitalskittelwie inSchicksalsgewändergehüllt […],mit ihrenstarren,bleichen
Gesichtern“, indenen„derunausrottbare,durch Jahrtausendeeingebrannte
Wunderglaube“845weiterlebt,beschreibt.
842 Dies.: SterbenimSpital. In:AZNr.:46.15.02.1926.S. 6.
843 Dies.:Hof imAllgemeinenKrankenhaus. In:NWJNr.:9313.07.10.1919.S. 6.Dernahezu
gleicheArtikel erscheintunterdemselbenTitelmit einigendenverändertenUmständen
desspäterenErscheinungsjahresangepasstenAbänderungenauchnocheinmal1934 inder
Zeitschrift:DieFrauNr.:10.01.12.1924.S. 9.HierverweistFeldmannaufdienachwievor
anwesendenehemaligenSoldaten:„UndnochimmerdieMenschenwracksdesWeltkrieges–
siekommennochimmerhierherzurück,wennihreWundenaufsneuezueiternbeginnen;
nochviele sindes,nungealtert,nungraugeworden, seltsameNachzügler.“
844 Dies.:AusdemWassergezogen. In:ASNr.:24.08.07.1934.S. 8.
845 Dies.: SederabendimallgemeinenKrankenhaus. In:Dr.Bloch’sÖsterreichischeWochen-
schriftNr.:14.05.04.1912.S.
231.
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© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien