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264 PoetikdesSchreibensvomRand
WenigerbeklemmendwirkteinFestaufdemSteinhof,derpsychiatrischen
KlinikderStadtWien:846
Mankönntenichteinmalsagen,daßetwasGespenstischesüberdemgroßenTheatersaal
lag, indemmehr als sechshundert Irre zu einemfröhlichenAbendversammeltwaren.
NichtmehrGespenstischesalsauchandenfröhlichenFestenderAußenweltfürden,der
indenTiefendermenschlichenNaturenzu lesenversteht.847
PsychiatrischeKliniken,dienebendenGefängnissenzudenklassischenAus-
sperrungsortengesellschaftlicherSanktionundDeportationgehören, tauchen
auchinspäterenTextenFeldmannsauf.
DiegroteskeVerkehrungdesmenschlichenLebensdurchdenKriegwird
in einemFeuilleton von1930deutlich,wo sie die gegenwärtigenZustände
beschreibt.NochJahrenachKriegsende„biszumheutigenTage“sind
[d]ie Irren- undSiechenhäuser […]mit denOpferndesKrieges überfüllt. Sie sterben,
anderewerdenhereingebracht, aufden langenHolzbahren trägtmansieherein, schält
sieausweißenTüchern–dannliegensiereglosdawiebleicheHolzpuppen,atmendund
starrend.848
Unter ihnenistaucheinerder letztenKundenderBlumengusta, einerProstitu-
ierten,dieSoldaten,dieAngstdavorhatten,insFeldzurückgeschicktzuwerden,
aufeigenenWunschhinmitder„richtigenKrankheit“ infizierte:„DieSoldaten
aberwarenaufgerieben,zerschundenund,wasdieHauptsachewar: siewollten
nichtmehr.SiemachtensichInjektionenmitPetrolium“,wasaufgedecktund
strenggeahndetwird.UnterdenSoldaten lebteaucheinTrachomverkäufer:
Einer,derdenKameradendeneitrigenAusflußseiner fasterblindetenAugenverkaufte.
UmeinwenigGeld, ein paarZigaretten.UmeinwenigTabak schmierte er den ande-
rendenkostbarenAnsteckungsstoffausseinenkrankenAugeninihregesunden.Besser
verstanden sie esnicht. SiehattenallemiteinanderdenTodanderFront gesehen.Das
furchtbarsteLebenzogensie solchemTodevor.849
Ähnlichverkehrt sichderSinnderGefängnisse–allerdingsangesichtsbegrü-
ßenswerterVeränderungen, imZugeder Jugendgerichtsreform.ImRahmen
846 BeiSteinhofhandeltes sichumeinealteOrtsbezeichnung,womitdasOtto-Wagner-Spital
mitder inseinemZentrumgelegenenKircheAmSteinhofgemeint ist. InderNS-Zeitwurde
dieAnstaltnachdemFlurnamenAmSpiegelgrundgenannt,wozahlreicheKinderOpfer
vonEuthanasiewurden.
847 ElseFeldmann:EinFestaufdemSteinhof. In:AZNr.:337.08.12.1925.S. 12.
848 Dies.:Bazillenverkäufer. In:AZNr.:198.20.07.1930.S.
13.
849 Ebd.:S. 13.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien