Seite - 267 - in Else Feldmann: Schreiben vom Rand - Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
Bild der Seite - 267 -
Text der Seite - 267 -
VonderGesellschaftabgeschnittene, ‚andereRäume‘–Heterotopien 267
DasbessertdieLeuteeher,als strengeBewachungundmenschenunwürdige
Haftbedingungen.“858
Altersheimebzw.Orte füralteMenschen, inundnachdemErstenWeltkrieg
vorallemArmen-undSiechenhäuser,dievonFoucaultanderGrenzezwischen
KrisenheterotopienundAbweichungsheterotopienangesiedeltwerden, sind
ebenfalls einThema,mitdemsichFeldmannübereinen längerenZeitraum
hinwegbeschäftigtunddenensieeinenähnlichenStellenwertwiedemThema
KinderundJugendlichebeimisst:
DieTragödiedesaltenMenschengehörtzudemergreifendsten,dasdieNaturgeschaffen
hat.Das abgenützte Inividuum,voll vonKrankheiten,Gebrechen,Hinfälligkeiten.Der
KörperdesaltenMenschen ist für sicheinDrama; erst recht,wennwirtschaftlicheNot
hinzukommt.859
Bereits inderKindheit erscheint ihrdasGemeindearmenhaus,dasu. a. ein
Ort füralteMenschenist,wosiedieGroßmutter ihrerFreundinDiniausder
gleichnamigenErzählungbesucht,alsunheimlicher,bereits indieNähevon
TodundSterbengerückterOrt:
[…]dasArmenhaus.EswarsowieDinierzählthatte.Lange, schreckliche,unheimliche
GängevollGespenstern–dennnichtandersalsGespenstersahendievielenaltenWeib-
lein aus, die aufdenGängenherumstandenundhockten. […]VondenFensternhatte
mandenAusblickaufdenaltenFriedhofmit seinenBäumen,HügelnundGrabsteinen.
‚Oh,wie schauerlich‘, sagte ichzuDini, daßdieAltenda immerhinuntersehenmüssen
unddenken: Jetzt liege ichoben,baldwerde ichunten liegen.860
ImBeitragüberAlteMenschen imNeuenWiener JournalerstehtbeimZuhören
einesGesprächs inderStraßenbahneinzugegebenermaßenetwaseindimen-
sionalesBildüberdieLagealterMenscheninallenGesellschaftsschichten,die
entweder inSanatorien imBeisein ihrerFamilie,dienurauf ihrErbewarten,
langsamdahinsterben,oder, für ihreVerwandten längstzurLastgeworden, in
öffentlichenSiechenhäuserndahinvegetieren:„Waswissensievondemeinsa-
menSchmerzenslageralterMenschen…“861
DasprunkvolleSterbenindenSanatorien,dasetwas„vonNarreteiundetwas
vontraurigerGrößewiedieSchlußakte indenShakespeare-Dramen“hat, stellt
sie demSterben in einemSpitalbett gegenüber, das sich „in einemgroßen
858 Dies.:SträflingeohneBewachung,ohneZellen.DerReuhof. In:AZNr.:207.27.07.1928.S. 7.
859 Dies.:DasersteHeimfüralteMenscheninÖsterreich. In:DMNr.:43.27.10.1924.S. 8.
860 Dies.:Dini. In:AZNr.:176.28.06.1925.S. 18.
861 Dies.:AlteMenschen. In:NWJNr.:9271.25.08.1919.S.
3–4.Hier:S. 3.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien