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268 PoetikdesSchreibensvomRand
Saal,wonochdreißigbisvierzigandereKranke liegen,wogestöhnt,geweint,
gestorbenwird“,862vollzieht.
Als Stätte desGrauensbezeichnet FeldmanndasVersorgungshausLainz,
einRiesenhaus,das– imJahr1920völligüberbelegt–einem„einzige[n],wei-
ße[n]Totenlaken“gleicht.Anstatt4.000Menschensinddort5.800Menschen
untergebracht.
Diealten,krankenMenschen liegenauf einerMatratzeamFußboden–eineSterbende
sahichdortliegen.[…]siewareinMenschenskelettmitweißemHaar:eineVerhungerte.
[…]Ist inunserenVersorgungshäuserndochdieSitte,denLeutenihrEssenvorzusetzen
undsie imÜbrigenaufdenTodwartenzu lassen.863
InAnbetrachtderwirtschaftlichenZustände–„Es istbegreiflich:einMensch
mehr kannheute in einemarmenHaushalt einVerhängnis sein –wie erst
einMensch,deralt,krankundpflegebedürftig ist, teureArzneienbraucht.“–
kommtes(insofernalsAbweichungsheterotopiezubezeichnen)zurAuslage-
rungdesSterbens indasSpital: „Manentledigt sichderaltenLeute,umwieder
seinezweiHändefreizubekommen.DaherdieÜberzahlderErdlager.“864
EinJahrspäterberichtetFeldmann(dasersteundletzteMal inderWiener
Morgenzeitung) noch einmal über die Zustände in Lainz, die unverändert
gebliebensind: „InLainzgehendieMenschenseit JahrenanEntbehrungen
elendzugrunde.DieBehandlungderaltenLeute imLainzerVersorgungs-und
Siechenhaus […]hatnichts ihresgleichenanErbarmungslosigkeit.“865Dem
KontextderZeitunggeschuldet,verweist siehiervorallemaufdasSchicksal
der Juden:
AberwennalleMenscheninLainzleiden,amschlechtestengehtesdenJuden.Zudertäg-
lichenNotdesKörpers, ungenügendernährt, ungenügendgepflegt zuwerden, kommt
nochder große Schmerz der Seele.Die Juden inLainzwerden gehaßt. ZudenLeiden
ihresalten,kranken,verhungertenKörperskommennochdieQualen,Beschimpfungen
anzuhören,RohheitenzuerduldenundihrMartyriumistohneGrenzen.866
Als1924DasersteHeimfüralteMenscheninÖsterreich inBadenbeiWien
eingerichtetwerdensoll,begrüßtFeldmanndiese IdeeundruftzumSpenden
862 Ebd.:S.
3.
863 Dies.:DieStättedesGrauens. In:NWJNr.:9494.11.04.1920.S.
6.
864 Ebd.:S.
6.
865 Dies.:Die JudeninLainz. In:WienerMorgenzeitungNr.:895.24.07.1921.S. 4–5.Hier:S. 4.
866 Ebd.:S. 4.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien