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VonderGesellschaftabgeschnittene, ‚andereRäume‘–Heterotopien 269
amSammeltag fürdasHeimauf:867 „Wohldem,derseineMutter inderGebor-
genheiteineseigenenHeimesmitallenGabenderLiebeumgebenkann!“868
InhartemKontrastzuderGeborgenheit,dieeinsolchesAltenheimkünftig
vermittelnsoll, stehtdasLosderaltenMenschenin Inferno.Darinbeschreibt
FeldmanndasSchicksal sechsalterFrauen,die„beieinerarmenBedienerin“
wohnen,wo ihnen aufgrund ihrer ganz unterschiedlichenBedürfnisse das
LebenzuQualwird:
AllewollendasFenster zuhaben,nurdie eine,die anAtemnot leidet,nicht. […]Sie er-
hebt sichund schleppt sich zumGangfenster. […]Daberührt dieKahlköpfige siemit
ihremkalten,dürrenArm,sodaßsiezurückwanktwieeinLuftkissen.‚DasFensterbleibt
zu‘,höhntdieHundertjährige, ‚esbleibtzu‘…869
AlsBeispiel fürdieVeränderbarkeitvonHeterotopien imLaufederGeschichte
führtFoucaultdenFriedhofan,derein„mitderGesamtheitderStättender
StadtoderderGesellschaftdesDorfes“ insofernverbundenerOrt ist, als„je-
des Individuum, jedeFamilieaufdemFriedhofVerwandtehat“.870 „‚Hastdu
jemandendort?‘“, fragtVladimirMartha inMarthaundAntoniaamEndedes
Romans,als siemitdemZuginWieneinfahren.„‚Ja,meineMutter,meinen
VaterundeinekleineSchwester.‘“ (MUA346)
AlsOrt, der sowohlmitderStadt als auchmit all seinenBewohnernver-
bundenist,hatderFriedhof imLaufederZeiteinebedeutendeVeränderung
durchgemacht. ImZugederSäkularisierungistesnichtnurzueinerIndividua-
lisierungdesTodesgekommen,wodurchderVerlustdes Jenseitszukompen-
sierenversuchtwird–demverstorbenenLeibwirdseitdem19.
Jahrhundert
mehrAufmerksamkeitgeschenktals früher–,auchdieLagedesFriedhofshat
sichverändert.
AufgrundderAngstvorderVerbreitungvonSeuchen ist erausderMitte
der Städte anderenRandgerückt. Bezeichnenddafür ist die Propagierung
derFeuerbestattung,die inWienvondenSozialdemokratenforciertund1923
schließlicheingeführtwird.
867 Eshandelt sichdabeiumdasAltersheimSorgenfrei,das1928 inBadenbeiWieninsLeben
gerufenwurde.EingerichtetwurdeesvonHenrietteWeiß(1864–1931),einerderwichtigsten
VerfechterinnenderAusbildung vonFrauen inderKrankenpflege. Bereitswährenddes
ErstenWeltkriegswurdendieErholungsheimeWällischhof inMariaEnzersdorfundSans
Souci inMauerbeiWiensowie1914dieWienerKriegswaldschule fürKindergegründet.
NachdemErstenWeltkriegwarWeißalsLeiterindesSanatoriumsAlland,das imKrieg
schwerbeschädigtwordenwar, tätig.
868 ElseFeldmann:DasersteHeimfüralteMenschen.O. a.: S. 8.
869 Dies.: Inferno. In:NWJNr.:29297.21.09.1918.S. 8.
870 MichelFoucault:AndereRäume.O. a.: S. 41.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien