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3 Briefe
91)AnMariaCharlotteSweceny,Wels, 14.9.1941
Mein lieberHase,
ich schreibe Dir schon aus Wels. Ich sitze in der Restauration, auf
demBahnhof,undwarte. Ichhättevielleicht auchzumGreifengehen
können,–wodieGeschichtemitTrudenichtpassiert ist.Aberdamals
war alles so still, und jetzt ist alles so lärmend. Sobleibe ich lieberunter
demLärmaufdemBahnhof.
Komisch in Wels zu sitzen, wo man, sonst, immer nur mit dem Wagen
durchgefahren ist.
Was jetzt etwa die Hasen machen werden, wenn es finster ist und
vondenBlättern tropft?AmBaumamSeewerdensieauchnichtmehr
lange wohnen bleiben, weil ihnen im Lager nichts mehr serviert wird.
Siehabenes schonschwer.
Ich bin sehr neugierig, wie die | Dinge in Berlin sich anlassen werden.
Wahrscheinlichhoppertatschig,–weildieDistanzensogroßsindunddie
Leute keine Telephonverbindung kriegen. Und ĂĽberhaupt. Dem Fritsche
werde ich tĂĽchtigeinheizen.
PaĂź nur recht gut auf das Manuskript auf, mein Hase! Mir ist so
leid, daß ich nicht mehr daran schreiben kann. Vielleicht wäre es gut
geworden. Vielleicht aber habe ich doch alles schon geschrieben, was
ich zu schreiben hatte, und nun ist auf eine Zeit Pause. Man kann es
nicht wissen. In Schwanenstadt habe ich zwei Nonnen gesehen. Nun,
vielleicht sind sie ein gutes Zeichen, und die ausgehenden Patiencen ein
schlechtes ...
Die Hasen am Waldrand, die werden sich jetzt fragen, was los ist,
daĂź niemand mehr vorĂĽbergeht. Vielleicht gibt es auch bei Berlin |
Hasen. Aber das sind bestimmt nicht die richtigen. Es ist nur eine Abart.
Wahrscheinlich fressen sie inSanssoucidieBäumean.
Ichmöchtewissen,wasVoltaire täte,wenner jetzt inWels säßeund
morgen in Berlin ankäme. Ich möchte auch wissen, was andre täten. Ich
glaube, sie tätengarnicht sobesonders viel andres.Aber sie säßengar
nichtda,undsiekämennichtan,–das istes.Es ist schonsehrsonderbar,
daĂźmiralledieseDingepassieren. IchbinwohlderDichtermit einem
der lächerlichsten Schicksale, – besonders zu einer Zeit des Lebens, wo
die andern entweder gescheitert oder gesettelt waren. Sollte ich die
Nachwelt erleben, sowirddieNachwelt esgeradezugroteskfinden,was
mit mir alles los war. Denn wirklich: DaĂź ich mit einem Pelz und einem
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Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Title
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Subtitle
- Briefe 1938-1945
- Author
- Christopher Dietz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 468
- Categories
- Weiteres Belletristik