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3 Briefe
inBerlinundhabe sogutwienichtsgetan. Ichhabe, alsErgänzungzu
dem Gedichtband, kaum eine Zeile geschrieben, die Bedeutung hat, –
ich habe also, gut und ganz, diese zwei Monate verloren. Ich sehe, zum
mindesten, keinen Vorteil, den sie mir könnten gebracht haben, wie,
z.B., viel unangenehmere Situationen welche viel fruchtbarer gewesen
sind, –etwaderPolenfeldzug.
Ichwunderemich,wasetwadieandernLeutehier inBerlineigentlich
tun. Ich weiĂź nicht, ob sie hier das fĂĽhren, was man ein Leben nennt,
oderobsiebloßdaraufwarten,dasses späterwird.Wozuaber,undwas
habensiedavon?
Es ist einbiĂźchenschwer, sichvorzustellen,dassman,wennderKrieg
noch ein Jahr oder anderthalb Jahre dauert, immerzu so weiterzuleben
hätte, –abgesehendavon,dass esdannnatürlicheineMengevonVerän-
derungenandrerArt gäbe,unddassvoneinemsolchen„Weiterleben“
also dann doch wiederum nicht die Rede wäre. Aber möglich wär’s
immerhin. Und dann täte dem Hasen niemand an der Pfote | führen,
wasdochauĂźerordentlichwichtig ist.
Nun, wir wollen nicht vergessen, dass eben zwischendurch mit den
Urlauben zu rechnen ist. Bitte sei so lieb und verständige Sándor und
Lisa von den Veränderungen der Projekte, wie ich es Dir mitgeteilt
habe. WeiĂź Gott, warum immer ich es von uns allen am schwersten und
unangenehmstenhabe!Aberwennes schoneinervonuns seinmuĂź,der
etwasdergleichenauf sichnimmt, sonehme ich’s inGottesNamenauf
mich.
Heute ist der Tag halb bedeckt, windig und ziemlich warm. Vielleicht
wäre es jetzt ganz hübsch auf dem Lande. Halb auf dem Land kann
maneszwarauchhier imGrunewaldnennen.UndderWindwehtum
das Haus wie in St.Wolfgang an einem stĂĽrmischen Tag. Aber es ist
doch etwas ganz andres, und ich frage mich, warum ich hier bin. Du
weißt, dass ich die Schuld an allem Schicksal der eigenen Persönlichkeit
gebe. Vielleicht, weil nur aus Defekten Korrekturen der Defekte und das
Richtige entspringt [sic!], – vielleicht soll ich durch das alles zu einer
Korrekturgebrachtwerden.Aberes ist alles soundeutlich,dass ichnicht
weiĂź,wohines soll.
Ich mache mir auch ernsthafte Gedanken, Dich so lange doch nicht
alleinlassen zu sollen, und ich unternehme, was ich kann, um diesem
lächerlichenZustandeinEndezubereiten.DiemeistenmeinerVersuche
scheiternzwaraneinermerkwĂĽrdigenUnbestimmtheitundPlanlosig-
keit der Leute, mit denen ich’s zu tun habe. Vielleicht sollte ich etwas
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Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Title
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Subtitle
- Briefe 1938-1945
- Author
- Christopher Dietz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 468
- Categories
- Weiteres Belletristik