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6.3 „RastlosePflichterfüllung“:RichardStein,derVater
6.3.3 Exkurs:AuftraggebervonAdolf Loos
In seinem Lebensstil war Richard Stein darauf bedacht, Geschmack und
Kunstverstand an den Tag zu legen: 1913 lieĂź er in der Pfarrhofgasse
16 (Wien III) fĂĽr seine Familie eine neue Wohnung einrichten102 und be-
auftragtedafürniemandGeringerenalsAdolf Loos (1870–1933).103 Mit
ihmhatteder jungeVerlegerguteErfahrungengemacht:Bereits imSom-
mer 1909 war Loos mit der Neugestaltung des Portals zur „Manz’schen
k.u.k. Verlags- und Universitätsbuchhandlung“ und der Räume der Ge-
schäftsführung inderKontorsetagebetrautworden.104 1912 führteLoos
den Auftrag aus; Portal105 und Kontorsräume sind bis heute erhalten.
Bei der Gestaltung des Eingangsbereichs hatte Loos Ăśberlegungen ange-
wandt, die bis heute zum Vokabular der Shop-Architektur gehören: Der
vomGehsteigzurückversetzteEingangbildeteinezusätzliche,gleichsam
einen Sog auf die Passanten ausübende Einbuchtung, die – nicht zuletzt
durchdie intensive indirekteBeleuchtung–zugleichdieSchaufenster-
undPräsentationsflächeerhöht.106
102 Seit seinem Auszug aus dem elterlichen Wohnsitz war Richard Stein mit seiner Familie
an folgendenWienerAdressengemeldetgewesen: I., Schulerstraße18(1899–1901);
XVIII.,Sternwartestraße46(1902–1907); I.,Bartensteingasse16(1908–1909); III.,Reis-
nerstraße30(1910–1914); vgl. Lehmann:Lehmann’sAllgemeinerWohnungs-Anzeiger.
BezogenhabendieSteinsdieneueWohnungoffenbarerst1915.
103 BurkhardRukschcio/RolandSchachel:Adolf Loos. LebenundWerk. Salzburg:Residenz
1982, verzeichnen die heute nicht mehr existente „Wohnung Dr. Robert [recte: Richard]
Stein“ in ihrem Loos-Werkekatalog unter Nummer W.218.13 (S.508 mit Abb.): „Es
handelt sich um die Zusammenlegung zweier groĂźer Wohnungen. Der zweite Eingang
wurde als Kindereingang beibehalten. Vorzimmer mit Sitzbänken (Hartholz, weiße
Sitze), Empfangszimmer in dunkler Eiche mit eingelassenen Bildern, Marmorkamin
(nicht funktionsfähig).EinHalcyone-VorhanganeinerMessingstangemitquadratischem
Querschnitt trennte diesen Raum vom Speisezimmer mit altdeutscher Einrichtung. Von
diesem aus Zugang zum Musikzimmer (Eckzimmer) mit Mahagonitäfelung an allen
Wänden. Im 5/8 Erker eine umlaufende halbrunde Sitzbank. Anschließend lag das
Herrenzimmer mit einem Mahagonilambris, kräftigem Gesims, darüber Silbertapete. Im
anschlieĂźendenKinderwohnzimmerwareinFries vonGipsabdrĂĽckenantikerReliefs
angebracht. ImEltern-undTochter-SchlafzimmerweißeKästen.“
104 Vgl. hierzu auch die jĂĽngst erschienenen Publikationen Christopher Dietz/Burkhardt
Rukschcio (Hrsg.):100JahreLoos-Portal derBuchhandlungManz.Manz’scheVerlags-
und Universitätsbuchhandlung 2012 und Christopher Dietz: „Absolut nichts Verrücktes
...“ In: DerStandard [Album], 18.Aug.2012.
105 Werkinv. L. 84.12 nach Rukschcio/Schachel: Adolf Loos. Leben und Werk, S.496, bzw.
Nr.L.88.12nach RalfBock:Adolf Loos.WorksandProjects.Milano:Skira2007,S.174.
106 Von diesem architektonischen Kniff lieĂź sich etwa der 1938 in die USA emigrierte
Architekt und Städteplaner Victor Gruen (eigentl. Victor David Grünbaum, 1903–1980),
der als Erfinder der Shopping Mall gilt, inspirieren (vgl. etwa Robert GĂĽnther/Ulrich
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Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
Briefe 1938-1945
- Title
- Alexander Lernet-Holenia und Maria Charlotte Sweceny
- Subtitle
- Briefe 1938-1945
- Author
- Christopher Dietz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78887-4
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 468
- Categories
- Weiteres Belletristik