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Dominique
Cardon136
war ausgesprochen mutig und in der Mediengeschichte beispiellos. Die ersten
Suchmaschinen in der Ära vor Google (Lycos, AltaVista) arbeiteten lexikalisch:
Sie rankten diejenigen Webseiten am höchsten, die die meisten vom Nutzer an-
gefragten Schlüsselbegriffe enthielten.2 Diesem ineffizienten Prozess setzten
die Gründer von Google eine völlig andere Strategie entgegen. Ihr PageRank-
Algorithmus versucht nicht zu verstehen, worum es in einer Webseite geht,
sondern misst eher die gesellschaftliche Kraft (social force) der Seite innerhalb
der Netzwerkstruktur des Webs. Tatsächlich besteht die besondere Architek-
tur des Internets aus einem Gewebe von Texten, die sich wechselseitig durch
Hyperlinks zitieren. Der Algorithmus der Suchmaschine arrangiert Informa-
tionen so, dass er einer Seite, die verlinkt wird, gleichzeitig ein Zeichen der An-
erkennung (token of recognition) zubilligt, das ihr mehr Autorität verleiht. Nach
diesem Prinzip rankt er Webseiten auf der Basis einer gewichteten (zensualen)
Abstimmung vergleichbar dem Zensuswahlrecht, also grundlegend merito-
kratisch: Höher gerankt werden diejenigen Seiten, die die meisten Hypertext-
Links von Seiten haben, die ihrerseits die meisten Verlinkungen bekommen
haben (Cardon 2012).
Die gemeinschafts- und teilhabeorientierte Kultur dieser Netzpioniere
brach also mit dem Imperativ der totalen Repräsentation, den traditionelle
Medien ihrer Vorstellung von Öffentlichkeit aufdrückten. Mit anderen Wor-
ten: Die sichtbarste Information ist nicht die, die am häufigsten gesehen wird,
sondern die, die Internetnutzer aktiv ausgewählt und anerkannt haben, in-
dem sie häufig darauf verlinkten. Schweigende Zuschauer geraten aus dem
Blick, weil die Auflistung von Links nichts grundlegend Demokratisches an
sich hat. Wenn eine Webseite von anderen häufiger zitiert wird, fällt ihre An-
erkennung anderer Seiten bei der Berechnung von Autorität mehr ins Ge-
wicht. In Anlehnung an das Wertesystem der Wissenschaftsgemeinschaft –
und insbesondere an wissenschaftliche Zeitschriften, die den meistzitierten
Aufsätzen einen höheren Stellenwert verleihen – hat sich dieser Maßstab für
Anerkennung als einer der bestmöglichen Näherungswerte zur Beurteilung
von Informationsqualität erwiesen. Während Forscher und Journalisten Infor-
mation vor der Veröffentlichung auf der Basis menschlichen Urteils filtern,
filtern Suchmaschinen (und auch Google News) Information, die bereits auf der
Basis menschlicher Urteile aus der Gesamtheit der veröffentlichenden Inter-
netnutzer veröffentlicht wurde. In der Sphäre des Digitalen nennt man dieses
Prinzip »kollektive Intelligenz« oder »die Weisheit der Vielen« (Benkler 2009).
Es misst Information, indem es bei den Bewertungen ansetzt, die selbstorga-
nisiert zwischen den aktivsten Internetnutzern und Webseiten ausgetauscht
werden. Genauso verleihen auch viele andere Metriken denjenigen Autorität,
die in Gemeinschaften wie Wikipedia oder Digg, in der Welt der freien Soft-
2 | Vgl. dazu Batelle (2005) und Levy (2011).
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik