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5. Den Algorithmus dekonstruieren 137
ware und auch bei den Rankings von Avataren in Online-Multiplayer-Spielen
Anerkennung genießen. Diese Plattformen verwenden Verfahren, mit deren
Hilfe sie die Qualität von Dokumenten oder Menschen feststellen, unabhängig
von deren sozialem Status, durch die Messung der Autorität, die sie im Netz
aufgrund des Urteils anderer Nutzer erhalten. Mithilfe von schrittweisen An-
näherungen und Überprüfungen, oft hochgradig raffinierten Verfahren, zie-
len diese Berechnungen darauf ab, die Vernünftigkeit, Angemessenheit und
Korrektheit von Informationen mit einem rigorosen Verständnis von Rationali-
tät und Wissen zusammenzubringen.
Eine der Besonderheiten beim Maß von Autorität besteht darin, dass die
aufgezeichneten Signale oberhalb des Webs positioniert sind und deshalb nicht
(leicht) von Internetznutzern beeinflusst werden können. Tatsächlich ist eines
der Ziele von Googles PageRank, dass die Nutzer dessen Existenz vergessen.
Die Qualität der Messung hängt mit anderen Worten stark davon ab, dass die
klassifizierte und gerankte Information nicht auf die Existenz des Algorith-
mus’ reagiert. Webseiten müssen Links »natürlich« und »authentisch« unter-
einander austauschen. Diese Vorstellung von »instrumenteller Objektivität«
(Daston/Galison 2012) wird jedoch dauernd von denen unterminiert, die stra-
tegisch größere Sichtbarkeit im Netz anstreben. So setzt sich z.B. der blühende
SEO-Markt (Search Engine Optimization = SEO) aus Unternehmen zusammen,
die Webseiten ein verbessertes Ranking bei Google versprechen. Einige bie-
ten eine Verfeinerung von Webseitenskripten an, damit der Algorithmus sie
besser verstehen könne, während viele andere lediglich versuchen, der Seite
mithilfe der Logik des Algorithmus eine künstliche Autorität zu verschaffen.
Autoritätsmaße sind ein Abglanz der meritokratischen Kultur der Netzpio-
niere. Zwei wichtige Kritikpunkte führten jedoch in der Folge zu einer dritten
Gruppe von Online-Informationsberechnungen. Der erste Kritikpunkt lautet,
dass die Ansammlung von Peer-Urteilen einen starken Exklusionseffekt und
eine Zentralisierung von Autorität bewirke. In jeder Art von Netzwerk zieht
das, was sich im Zentrum befindet, die größte Aufmerksamkeit auf sich und
erlangt übermäßige Sichtbarkeit. Weil sie jeder zitiert, werden die bekanntes-
ten Webseiten auch die beliebtesten und bekommen so auch die meisten Klicks
(Hindman 2009). So verkommt dieser ›aristokratische‹ Autoritätsstandard zu
einem vulgären Maßstab von Beliebtheit. Google wurde zu so einem mächti-
gen Magneten für Web Traffic, dass das Unternehmen in Mountain View sein
Einkommen durch Werbeanzeigen in einer separaten Webseitenspalte »spon-
sored links« aufbessern kann. Zwar heben sich diese beiden Klassifizierungen
von Links (die ›natürlichen‹ auf Basis der Autorität der Algorithmen und die
›kommerziellen‹ auf der Basis von Werbung) deutlich voneinander ab, aber
sie bilden doch die Startseite aller Suchresultate im Netz, eine große Online-
Datenverkehrskreuzung, die nur die zentralsten und konventionellsten Web-
seiten verbreitet – und diejenigen, die dafür bezahlen, gesehen zu werden (Van
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik