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5. Den Algorithmus dekonstruieren 139
weitergeben lassen zu können. Allgemein gesprochen lässt sich Einfluss aus
dem Verhältnis zwischen der Anzahl von Leuten, die ein Nutzer kennt, und
der Anzahl von Leuten, die diesen Nutzer kennen, ableiten (Heinich 2012) und
misst so die soziale Macht eines Namens, eines Profils oder Bilds. Aus dem
Wettstreit um die Gültigkeit der eigenen Argumente wurde ein Wettbewerb
um die Absicherung der eigenen Sichtbarkeit im Reich des Digitalen. Das so-
ziale Netz von Facebook, Twitter, Pinterest, Instagram usw. ist voll von kleinen
Bewertungs- und Rankingmethoden oder »Gloriometern«, um Gabriel Tarde
zu zitieren (zitiert von Latour/Lépinay 2008: 33). Sie erschaffen eine Landschaft
mit vielen Hügeln und Tälern, eine Topologie, die Reputation, Einfluss und Be-
rüchtigtheit nachzeichnet und Nutzern beim Surfen im Online-Raum hilft. In
einer Welt, in der solche Zähler allgegenwärtig sind, hindert nichts die Nutzer
daran, ihre Rankings zu verbessern. Nach autoritätsbasierten Maßstäben ist
Sichtbarkeit stets verdient, aber in der reputationsbasierten Welt der sozialen
Medien kann sie leicht fabriziert werden. Hier sind die Selbstinszenierung
einer Reputation, die Kultivierung einer Gemeinschaft von Bewunderern und
das Verbreiten viraler Botschaften hochbewertete Skills geworden. Im ganzen
Netz und vor aller Augen haben diese eher unbedeutenden Rankingtechniken
alle Nutzer in Bewerter und Klassifizierer verwandelt (Marwick 2014). Natür-
lich ist diese Metrik nicht objektiv; sie produziert eher eine massive Menge
an Daten, an denen Internetnutzer ihr Verhalten orientieren und ihre eigenen
Wertmaßstäbe verbessern.
Wie originär sie auch sein mögen, es entzündete sich doch lebhafte Kri-
tik an den Maßstäben der Reputation, besonders angesichts der rasanten Aus-
breitung der Social Media in den letzten Jahren. Die erste Kritik lautet, dass
diese Methoden Nutzer in einer Blase einschlössen, und zwar aufgrund ihrer
Entscheidung, Sichtbarkeit auf eine ganze Bandbreite an Mikrobewertungen
und -zählern zu verstreuen, um die Zentralität autoritätsbasierter und algorith-
mischer Messungen infrage zu stellen. Mit anderen Worten: Indem sie ihre
Freunde selbst auswählen, treffen Internetnutzer eine homogene Auswahl
und bringen Leute zusammen, deren Geschmack, Interessen und Meinungen
den ihren ähneln. In der Folge schaffen affinitätsbasierte Metriken ›Fenster‹
der Sichtbarkeit, die durch das eigene soziale Netzwerk getönt sind, was die
Nutzer am Zugang zu überraschenden oder verstörenden oder ihren a priori
Meinungen widersprechenden Informationen hindert (Pariser 2011). Die zwei-
te Kritik lautet, dass sich diese vielen kleinen lokalen Messungen aufgrund
ihrer Heterogenität nur schwer aggregieren lassen. Es gibt keine gemeinsa-
men Konventionen zur Produktion einer klaren Repräsentation des ständigen
Blubberns und Brummens von Internetnutzern, ihrem dauernden Austausch
von Freundschaftsanfragen, Likes und Retweets. Die Bedeutungen, die in den
ständigen Mikrobewertungen von Reputation innerhalb der sozialen Medien
gefangen sind, seien zu vielfältig, zu kalkuliert und vor allem zu kontextuell
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik