Page - 140 - in Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
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Dominique
Cardon140
um wahrhaft verständlich zu sein. Die große Arena der Expressivität, die man
in den sozialen Netzwerken finden kann, betont die vielen wettstreitenden Zei-
chen, Wünsche und Identitäten, die auf eine Ökonomie der Anerkennung und
Reputation antworten. Wenngleich sie ernsthaft zum Ausdruck gebracht wer-
den, kann man diese Zeichen außerhalb ihres Kontexts und aggregiert weder
als wahr noch als authentisch auffassen. In einem Raum, in dem Sichtbar-
keit strategisch produziert wird, wächst eine Diskrepanz zwischen dem, was
Individuen sagen oder hinausschleudern, und dem, was sie tatsächlich tun.
Diese Kluft bringt digitale Berechnungen durcheinander und macht es ihnen
schwer, die Masse an Online-Daten zu verstehen. Es ist unklar, ob sie versu-
chen sollten zu interpretieren, was Internetnutzer sagen – was sehr schwer ist
– oder lediglich der Vielzahl an Spuren auf der Suche nach einer Interpretation
folgen – was sie immer besser und besser können.
Prognose durch sPuren
Aus der zweiten Möglichkeit hat sich unsere letzte Gruppe digitaler Berech-
nungen entwickelt, die sich unterhalb des Webs befindet und die Spuren von
Internetnutzern so diskret wie möglich aufzeichnet. Diese Methode zeichnet
sich durch die Verwendung einer bestimmten statistischen Technik aus, die
»Maschinenlernen« heißt und die die Art und Weise, in der Berechnungen
unsere Gesellschaft durchdringen, radikal verschoben hat (Domingos 2015).
Ihr Ziel ist die Personalisierung von Berechnungen auf der Basis der Spuren
von Online-Aktivitäten, um Nutzer zu bestimmten Handlungen zu animieren,
wie man in den Empfehlungssystemen von Amazon und Netflix sehen kann.
Diese Prognosetechniken wurden den meisten Algorithmen, die Popularität,
Autorität oder Reputation messen, hinzugefügt, wodurch diese lernen, indem
sie das Nutzerprofil einer Person mit denen anderer, die sich ähnlich verhalten
oder entschieden haben, vergleichen. Auf der Basis von Wahrscheinlichkeit
schätzt der Algorithmus das zukünftige Verhalten einer Person anhand der
Entscheidungen von Personen mit ähnlichem Online-Verhaltensmuster. Die
mögliche Zukunft eines Nutzers wird auf der Basis vergangener Handlungen
ähnlicher Nutzer vorhergesagt. Man muss also Information nicht mehr aus
dem Inhalt von Dokumenten, aus Urteilen von Experten, aus der Größe des
Publikums, aus der Anerkennung innerhalb einer Gemeinschaft oder aus den
Vorlieben, die sich in den sozialen Netzwerken einer Person widerspiegeln, he-
rausziehen. Stattdessen konstruiert diese Methode Nutzerprofile, die aus den
Spuren des Online-Verhaltens folgen, um Prognosetechniken zu entwickeln,
die sich enger an deren Verhalten anschmiegen.
Um die Entwicklung dieser neuen Prognosetechniken zu rechtfertigen,
versuchen Befürworter von Big Data die Weisheit und Relevanz menschlicher
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik