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5. Den Algorithmus dekonstruieren 143
von oben beobachtet wurde – anhand von Kategorien, mit denen Algorithmen
Individuen gruppieren und vereinheitlichen konnten –, wird so nun von unten
beobachtet – anhand der individuellen Spuren, die sie voneinander absetzen.
Und bezeichnenderweise ist diese neue digitale Datenerhebung eine Form von
radikalem Behaviorismus, die Gesellschaft berechnet ohne sie zu repräsentie-
ren oder darzustellen.
Dieser Entwicklungsverlauf reflektiert das Problem der Reflexivität, das
aus dem intensiven Einsatz von Statistik durch Handelnde in der gesellschaft-
lichen Welt erwächst (Espeland/Sauder 2007). Anders als die natürliche Welt,
die von den Naturwissenschaften beobachtet wird, passt sich die menschli-
che Gesellschaft in ihrem Verhalten stark an Information und die Statistiken
darüber an. Das wissenschaftliche Ideal der Objektivität der Werkzeuge ist
für die Stabilisierung von ›Fakten‹ wesentlich (Daston/Galison 2012) und es
überträgt auf die Statistik das Vertrauen und die Zuversicht, die sie braucht,
um die öffentliche Debatte zu formen. Jedoch wird es immer schwerer, diesen
Standpunkt außerhalb zu halten, und die Hauptindikatoren der Sozialstatistik
gerieten unter den Vorwurf der falschen Darstellung (Boltanski 2014). Auch
die in den 1980er Jahren aufkommende neoliberale Politik trug dazu bei, die
Autorität dieser Kategorien auszuhöhlen, indem sie statistischen Werkzeugen
neue Aufgaben übertrug; nun sollen sie weniger dazu dienen, das Reale zu
repräsentieren, als darauf einzuwirken. Techniken des Benchmarkings, des Leis-
tungsvergleichs, trugen zum Niedergang der Metriken bei, die in den sozia-
len Welten, die sie zu beschreiben behaupten, eingebettet sind; dazu kam die
Entwicklung des ›Neuen Steuerungsmodells‹, neue Maßstäbe innerhalb von
Organisationen, sowie neue Bewertungs- und Rating-Mechanismen, die den
Einsatz von Indexen, Diagrammen und Leistungsindikatoren (Key Performance
Indicators = KPIs) ausweiteten. Statistische Objektivität wurde so zu einem Ins-
trument; nicht mehr die Zahlenwerte selbst sind wichtig, sondern die gemes-
senen Werte dazwischen. Und, um Goodhearts berühmtes Gesetz zu zitieren:
»Wenn eine Maßnahme zum Ziel wird, ist es keine gute Maßnahme mehr«
(zit.n. Strathern 1997). Und noch eine Zielsetzung wurde Indikatoren zuge-
wiesen: Individuelle gesellschaftlich Handelnde selbst in Maßwerkzeuge zu
verwandeln, indem man sie in Umgebungen verortet, die ihnen mitteilen, wie
sie messen sollen, während man ihnen ein gewisses Maß an Autonomie gibt.
Weil sie aber untereinander schlecht vernetzt sind, beinhalten diese Indikato-
ren kein umfassendes System. So hat überall bei der Organisation der Sichtbar-
keit digitaler Information rechnerischer Sachverstand professionelle Autorität
ersetzt – obwohl die Tatsache, dass diese Messungen falsch sein können, nicht
mehr als problematisch erachtet wird (Bruno/Didier 2013; Desrosières 2014).
Es hat sich immer weiter durchgesetzt, eine spezifische Messung einer be-
stimmten Aktivität als einen breiteren Indikator für das tatsächlich gemessene
Phänomen anzunehmen; so wird beispielsweise aus der Anzahl der Klagen
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik