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6. ›Ver-rückt‹ durch einen Algorithmus 159
Diese drei nebeneinander bestehenden Mediationen erschaffen das gewünsch-
te Erlebnis der Immersion, also das Eintauchen oder die Versenkung in einen
Klangraum. Im Dialog mit den aufstrebenden Techniken der erweiterten Rea-
lität (AR) und der Virtuellen Realität (VR) strebt Immersion danach, die akus-
tischen Grenzen der phänomenalen Hörsituation zu transzendieren. Dieser
akustische Effekt ist jedoch von einer untergeordneten sozialen Funktion ab-
hängig, die Ingenieure nicht unbedingt vorhersehen. Ich nenne diesen Pro-
zess »baffling«. Baffling ermöglicht dem Hörer eine dynamische Beziehung
zum vermittelten Klang, indem Wahrnehmung von den sozialen Situationen
des unmittelbaren Hörens abgekoppelt wird.
Personalisierung
Forschungen zur Wahrnehmung deuten darauf hin, dass körperliche Unter-
schiede von Hörern die Klangwahrnehmung beeinflussen. Schließlich ist
Hören ein Prozess, der zwischen Veränderungen in hörbarer Energie (Evens
2005) und der Sinnesenergie von Körpern an bestimmten Orten unterscheidet.
Für den Tontechniker gehören zu diesen Variablen: Größe und Form der Oh-
ren, Position der Ohren am Kopf und Schnitt der Schultern. Diese messbaren
Unterschiede zwischen Hörern werden häufig als »individuelle Voraussetzun-
gen« für das Hören bezeichnet. Die Ingenieure von Mantle R&D versuchen,
diese individuellen Voraussetzungen durch Algorithmen zu modellieren. Dar-
um geht es beim Prozess der Personalisierung.
Im R&D Labor erwuchs das Interesse an Personalisierung aus einem Tref-
fen mit einem Professor, der die psychoakustischen Effekte individueller Vo-
raussetzungen studiert. Auch wenn die technische Anwendung eine Neuheit
ist, beruht die wissenschaftliche Arbeit des Professors auf einer ziemlichen
alten Wahrnehmungstheorie, die unter dem Namen Head-Related Transfer
Function (HRTF, »Kopfbezogene Übertragungsfunktion« oder »Außenohrü-
bertragungsfunktion«) bekannt ist. Kurz zusammengefasst handelt es sich bei
HRTF um eine algebraische Repräsentation dessen, wie ein Klang erst vom
einen, dann vom anderen Ohr gehört wird und wie das Gehirn dadurch die
Klangquelle triangulieren kann. Durch Modellierung der HRTFs aus einer
Stichprobe verschiedener Individuen glauben die Ingenieure von Mantle R&D
den Code für eine Vorlage (Template) schreiben zu können, die für den einzel-
nen Benutzer nur noch modifiziert werden muss. Für die Erhebung der HRTF-
Daten kommt eine Versuchs-Apparatur namens AURA zum Einsatz.
AURA besteht aus zwölf Lautsprechern, die an einem Gerüst aus zwei waagrechten Rin-
gen befestigt sind. Sechs Lautsprecher stehen auf Ständern in etwa 120 cm Höhe und
sechs hängen in etwa 300 cm Höhe von der Decke. Alle Lautsprecher sind auf einen
Stuhl in der Mitte ausgerichtet. Auf dem Stuhl sitzt ein Hörer mit Mikrophonen in den
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik