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Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
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Joseph Klett160 Ohren, die den Klang aufnehmen sollen, sobald dieser kurz hinter dem Außenohr den Gehörgang erreicht. Für die Messung spielen die Lautsprecher nur einen Ton, um einen gleichmäßigen Klangeindruck zu erzielen. Die Aufnahmen werden an Stefans Computer übermittelt und dort als visuelles Schaubild wiedergegeben. Mithilfe der so dargestell- ten Kurven soll eine audiologische Landkarte davon erstellt werden, wie der Klang den Hörer erreicht. Die meisten Tontechniker wären sich wohl einig darin, dass Hörer leibliche Individuen mit einzigartigen Wahrnehmungsapparaten sind. Aber nicht alle stimmen zu, dass jeder Hörer gleich behandelt werden sollte. Vor der Entste- hung von Immersive Audio gab es für Ingenieure keinen Anlass, individuelle Voraussetzungen jenseits ihrer eigenen zu berücksichtigen. Stereo – der vor- herrschende Standard in der Audio-Technologie – entsteht aus zwei komple- mentären Soundkanälen, die in ihrer Gesamtheit nach objektiven Qualitätskri- terien beurteilt werden, zum Beispiel aufgrund des Signal-Rausch-Abstands. Das Fehlen von Rauschen, um mal nur eine Variable zu nennen, zeichnet ein System im Vergleich zu anderen als objektiv besser aus. In Bezug auf diese Geräte von objektiver Qualität, so argumentierten professionelle und selbst- ernannte Audiophile, könnten sich aber auch Hörer qualitativ unterschieden, nämlich darin, wie sie ihrerseits den Klang aus diesen Geräten hörten. Im Unterschied dazu behandeln Stefan und die anderen Tontechniker bei Mantle R&D individuelle Voraussetzungen als wesentlich für das Hörerlebnis und da- her als unabdingbar für ein erstrebenswertes digitales Produkt. Nachdem AURA im Labor montiert wurde, macht Stefan erste Probeaufnahmen, um zu schauen, wie die Daten aussehen. Dadurch dass das Gerüst für AURA offen ist, werden unweigerlich auch Geräusche von außerhalb zusammen mit den kontrolliert abgegebe- nen Tönen aufgezeichnet. Das Labor ist ein Großraumbüro, in dem andere Ingenieure ihre eigenen Forschungen betreiben, was nichtsdestotrotz zur Klanglandschaft des La- bors beiträgt. Am Computer müht sich Stefan damit ab, in den Aufzeichnungen die absichtlichen Klän- ge von AURA von den Störgeräuschen zu unterscheiden. Ohne festen Referenzpunkt kann er nicht klar abgrenzen, was der Hörer als Störgeräusch wahrnimmt und was Um- gebungsgeräusch ist. Sich eine neue Epistemologie des Hörens zu eigen zu machen, birgt Herausfor- derungen – vor allem, wenn man das Hören als essentiell subjektiv betrachtet. Im Prozess der Personalisierung gibt es keine vorher festgelegte oder ideale Wiedergabe, weil am Ende der Klang immer das subjektive Erlebnis des Be- nutzers ist. Wenn man irgendein Klang-Artefakt als »unerwünscht« einord- net, über-reduziert man willkürlich Teile des Signals. Stattdessen enthält nach diesem Ansatz das Signal sein eigenes »gutes Rauschen« als hörbaren lokalen
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Algorithmuskulturen Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Title
Algorithmuskulturen
Subtitle
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Author
Robert Seyfert
Editor
Jonathan Roberge
Publisher
transcript Verlag
Date
2017
Language
German
License
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-8394-3800-8
Size
14.8 x 22.5 cm
Pages
242
Keywords
Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
Category
Technik
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