Page - 162 - in Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Image of the Page - 162 -
Text of the Page - 162 -
Joseph
Klett162
hören – der sogenannte »Cocktail-Party Effekt«. Dieser kognitive Prozess legt
nahe, dass räumliche Beziehungen mehr sind als nur eine Aufeinanderfolge.
Zusätzlich zu den von AURA kontrolliert ausgestoßenen Klängen werden in der offenen
Struktur des AURA Gerüsts noch andere Geräusche aus dem Laborraum aufgenommen.
Adam markiert auf der Kurve der Daten die Schwelle, ab der Umgebungsgeräusche die
Töne zu überlagern beginnen, und empfiehlt Stefan, die Daten aggressiv zu ›kappen‹,
auch wenn dabei Mikrosekunden der aufgenommenen Daten wegrasiert werden. Durch
diese Trunkierung könnte man präziser wiedergeben, wie der Raum innerhalb der AURA-
Anordnung aufgenommen wird. Doch geht die Präzision hier auf Kosten der Sorgfalt. Die
digitale Manipulation der Klangdaten weicht vom menschlichen Wahrnehmungshandeln
vor Ort ab, das sie doch gerade nachbilden möchte.
Adam schreibt ein Programm, das die aufgenommenen Klangdaten in eine algebraische
Beschreibung überführen soll, die durch einen Algorithmus repliziert werden kann. Da er
ein Verhältnis zwischen Subjekt und Umgebung beschreibt, braucht er mindestens eine
bekannte Variable. Adam weist Stefan an, er solle nur die Töne bekannter Frequenzen
aufnehmen. Diese Frequenzen werden als Visualisierungen der aufgezeichneten Daten
kartographiert – in der Erwartung, dass sich die Form, die diese Frequenzen annehmen,
extrahieren lässt und nur noch die Hörbeziehung zwischen Hörer und Umgebung, die
sie ja darstellen wollen, übrig bleiben. Wenn sie erst diese Beziehung beschreiben kön-
nen, könnten sie auch die Hörer-Wahrnehmung auf jegliche Orientierung im Raum hin
manipulieren.
Die Daten, die man mit AURA sammeln kann, liefern keine stabilen Modelle,
sondern dynamische räumliche Beziehungen, die zur Reproduktion immer
Verarbeitung voraussetzen. In diesem Sinn behandelt AURA den Hörer als
Informationsverarbeitungs-Instanz und Klanginformationen (in räumlichen
Begriffen konzipiert) als ›Reflexionen‹: Während sich Signale von der Quelle
zum Wahrnehmenden bewegen, bewegt sich überschüssige Klangenergie wei-
ter, wird von Oberflächen zurückgeworfen und zum Hörer zurückgesendet.
Dies gibt dem Klang ein Gefühl von Richtung und Abfolge – Dimensionen
eines Signals, die man so manipulieren kann, dass sie unser Gefühl davon, wo
sich ein Klang in Bezug auf einen anderen befindet, umorientieren.
Um das ›gute Rauschen‹ im Audio-Material der Umgebung einzufangen,
konzipieren die Techniker AURA so, dass auch Daten über den Hörer in Bezug
auf ›den Raum‹ als akustischen Raum gesammelt werden. Durch Rekonstruk-
tion der Art und Weise, wie wir räumliche Orientierung wahrnehmen, konst-
ruieren Ingenieure einen neuen Maßstab für Klangtreue (fidelity). Klangtreue
oder Wiedergabegüte bezog sich früher auf die Wirklichkeitsnähe einer Auf-
nahme oder Geräteleistung. Wirklichkeitsnähe setzt einen stabilen, objektiven
Standpunkt voraus, von dem aus Leistungen beurteilt werden können. Immer-
sive Audio verlagert den Fokus von der Interpretation auf die räumliche Orien-
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik