Page - 174 - in Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
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Shintaro
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Kultur ermöglicht, nämlich ihrer Rhythmizität, Materialität und Körperlich-
keit, sondern auch einen dringend nötigen Zugang zu ihren Pathologien. Der
zweite Abschnitt bringt kurze historische Berichte über algorithmusbedingte
Ressourcen-Misswirtschaft, Netzwerkzusammenbrüche und andere Erschei-
nungsformen unabsichtlich schlechter Programmierung; den Anfang ma-
chen die 1960er Jahre und die ersten Versuche, Algorithmen in gemeinsam
genutzten Systemen einzuplanen. Des Weiteren werden frühe Probleme des
ARPAnets erkundet und kurz die Genealogie von Computerviren untersucht.
Der dritte Teil beschreibt in größerer Ausführlichkeit den sogenannten AT&T-
Crash im Januar 1990, als das Telefonfernnetz fast einen ganzen Tag lang de-
fekt war, was einen beträchtlichen wirtschaftlichen Schaden verursachte. Der
letzte Teil wird schließlich das Konzept der neoliberalen Pathogenese als Sym-
ptom unserer derzeitigen neoliberalen Gesellschaft des freien Marktes entwi-
ckeln, die aus medientheoretischer und -historischer Perspektive tief im oben
erwähnten Kontext früher verteilter Netzwerke und des verteilten Rechnens
verwurzelt ist.
materialität, algorithmen und feedbacK
Algorithmen stehen in einer »essentiellen, wenngleich problematischen Bezie-
hung zur materiellen Realität« (Goffey 2009: 16). Rhythmus ist ein wichtiger
Aspekt dieser Beziehung und ein Begriff, der dem Studium sozialer und kul-
tureller Phänomene nahesteht, wie Soziologen dargelegt haben, so etwa Henri
Lefebvre (2004). Rhythmus ist die Ordnung der Bewegung, die zeitliche Koor-
dinierung von Materie, Körpern und Signalen. Meiner Argumentation zufolge
können Rhythmen auch pathologisches Verhalten veranschaulichen. Durch
Verflechtung der Begriffe ›Algorithmus‹ und ›Rhythmus‹ habe ich den Neolo-
gismus ›Algorhythmus‹ geprägt (Miyazaki 2012), um die pathologischeren und
bösartigeren Aspekte algorhythmischer Ökosysteme neu zu beleuchten.
Algorithmen sind mathematische, symbolische und abstrakte Strukturen,
aber man sollte sie nicht mit algebraischen Formeln verwechseln. Durch Algo-
rithmen ausgeführte Befehle sind irreversibel, während algebraische Formeln
reversibel sind. Algorithmen sind vektoriell abhängig, sie müssen sich entfal-
ten und verkörpern somit Zeit. Dieser entscheidende Unterscheid, so trivial er
auch scheinen mag, ist von großer Relevanz für das Verständnis unserer der-
zeitigen Abhängigkeit von algorithmusgesteuerten Systemen und den Ökosys-
temen, die sie beeinflussen. In den rechnergestützten Wissenschaften verbrei-
tete sich diese Erkenntnis bereits in den 1960er Jahren mit dem Aufkommen
höherer Programmiersprachen wie Algol 58 und Algol 60. Heinz Rutishauser
(1918-1970) hat als einer der ersten diese neue Denkweise benutzt, die ihren
Ausdruck in einer spezifischen Notationsform fand.
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik