Page - 180 - in Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Image of the Page - 180 -
Text of the Page - 180 -
Shintaro
Miyazaki180
funktion genau während dieses Updatingvorgangs eintrat. Das Update vom
Dezember 1989 machte diesen Prozess ›angreifbar‹. Eingehende Update-Mit-
teilungen des vorher abgeschalteten New Yorker Rechners unterbrachen das
makellose Funktionieren seiner Nachbarn, was zu Datenbeschädigung führte.
Jeder Nachbarcomputer, der an der Reihe war, seine Verbindungspläne up-
zudaten, schaltete sich ab und versuchte sich nach dem Neustart wieder mit
dem Netzwerk zu verbinden, was dazu führte, dass andere herunterfuhren
(Neumann 1990: 11-13). Das ganze Netzwerk war gefangen in einem ewigen
algorhythmischen, verteilten und polyrhythmischen Refrain: eine landesweite,
transatlantische Rückkopplungsschleife.
Zwei Ebenen der Rhythmizität machten das spezifische algorhythmische
Wechselspiel und maschinelle Überfunktionieren aus. Einerseits gab es die
Rhythmen, die sich innerhalb eines Vermittlungsrechners selbst abspielten,
und andererseits den Rhythmus und die Taktung der Benachrichtigungsmit-
teilungen, die von einem Vermittlungsrechner an all seine Nachbarn gesandt
wurden. Die Ursache der Fehlfunktion wurde später in einem einfachen Pro-
grammierfehler in der Programmiersprache C gefunden. In einem langen
»do-while-loop« gab es viele Switch-Anweisungen, und in einem der vielen
Zweige enthielt eine Switch-Klausel einen »if-loop«. Das wäre kein Problem
gewesen, hätte es da nicht eine zusätzliche Break-Anweisung gegeben, die in
der Programmiersprache C nicht besonders viel Sinn ergibt (Neumann 1990:
13). Das Programm verhielt sich nicht wie intendiert und die Rhythmen seiner
Rechenoperationen kamen leicht aus dem Tritt und begannen pathologisch zu
operieren. Die Breakouts der Loops oder die Breaks der Switch-Anweisungsket-
ten waren in unbeabsichtigten Rhythmen getaktet. Die Algorhythmen stotter-
ten sozusagen. Diese »bösen« und »schlechten« (Parikka/Sampson 2009: 11)
Rhythmen blieben von den selbstüberwachenden Systemen unbemerkt, bis sie
durch die erwähnten Updatingprozesse wirksam wurden.
neoliberale KoPPlungen und ihre Pathogenese
Die Ausbreitung des Neoliberalismus, die in den 1980er Jahren begann, und
dessen Verbindung zu parallelen Entwicklungen wie Wachstum der Medien-
netzwerke, des Internets und verteilten Rechnens sowie die Entstehung der
»digitalen Wirtschaft« und der »immateriellen Arbeit« ist aus vielen verschie-
denen Perspektiven bereits behandelt und diskutiert worden (Castells 1996;
Terranova 2004: 75; Hardt/Negri 2004: 187; Pasquinelli 2015). Eine tieferge-
hende Untersuchung der Schaltkreise und Algorhythmik dieser medienöko-
logischen Transformationen bietet Einblicke in die Pathologien des Spätkapi-
talismus oder Neoliberalismus und epistemologische Ankopplung an die oben
beschriebenen Dysfunktionalitäten der Frühgeschichte verteilter Netzwerke.
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik