Page - 184 - in Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
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Shintaro
Miyazaki184
und algorhythmischen Ökosystemen ist aus einer geldwirtschaftlichen Pers-
pektive viel pathologischer. Sie entwickelte sich ein Jahrzehnt später mit der
Verbreitung von Computertechnologien ab den 1980er Jahren. Der AT&T Crash
von 1990 ist ein Beispiel für einen frühen pathologischen, algorhythmisch in-
duzierten Zwischenfall.
Der Fokus auf die schmutzigen, dunklen, dysfunktionalen und pathologi-
schen Aspekte von Algorithmuskultur offenbart die wachsende Notwendigkeit
offener, ökologischer, nicht-verdinglichender, nicht-menschlicher, signal-und-
rhythmusbasierter Ansätze und zeigt, dass die oben skizzierten Entwicklungen
in den frühen 1960er und 1970er Jahren ausschlaggebend für tiefergehende
Untersuchungen der pathologischen Seiten der zeitgenössischen neolibera-
len Gesellschaft sind. Algorhythmische Ökosysteme entwickelten sich in den
1960er Jahren aufgrund der Notwendigkeit Ressourcen zu teilen, wie etwa die
Zuweisung von Datenspeicherplatz. Die Vernetzung wuchs bald und in den
frühen 1970er Jahren sahen sich Ingenieure mit dem Problem konfrontiert,
dass sich harmlose lokale Fehler auf unvorhersehbare Weise zu globalen Pro-
blemen in der Größenordnung von Netzwerkzusammenbrüchen auftürmten.
In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren programmierten Softwarein-
genieure verteilte Algorithmen mit kontraintuitiven, emergenten Verhaltens-
weisen, die sie mit Viren verglichen. Der AT&T Crash steht für den Beginn des
Digitalzeitalters, wo die Verletzlichkeit einer voll und ganz auf Algorithmen
basierenden und vernetzten Gesellschaft drastisch manifest wurde.
Wenn man globale Kommunikationsnetzwerke und deren Kopplung an
wirtschaftliche, soziale und kulturelle Umgebungen als Prozesse algorhyth-
mischer Ökosysteme theoretisiert, so entlarvt dies die rhythmischen Aktivi-
täten, die diesen Netzwerken zugrunde liegen und die sich aus Strömen af-
fektiv-energetischer Ereignisse zusammensetzen. Diese Rhythmen können
positive und negative, pathologische Wirkungen zeitigen, abhängig von ihrer
operativen Rolle in Feedbackkreisläufen und Ökosystemen heterogener Hand-
lungsinstanzen.
Dieses Kapitel zeigt zudem die Risiken, die entstehen, wenn abstrakte Wel-
ten wie die der Algorithmen mit der Welt kapitalistischer Werte und monetärer
Mechanismen verbunden werden. Diese Entwicklungen sind Spätfolgen der
problematischen Beziehungen, die Algorithmen von Anfang an innewohnen.
Um sich zu entfalten brauchen Algorithmen Verkörperlichung, zum Beispiel
durch energieschwache Signale wie Schwachstrom. Und im Zeitalter des Neo-
liberalismus sind selbst diese energiearmen Signale Teil des Geldwirtschafts-
systems. Algorythmische Ökosysteme wachsen weiter und werden immer
stärker vernetzt. Daher ist es von großer Wichtigkeit, nicht nur die positiven,
nützlichen und angenehmen Seiten von Algorithmuskulturen zu verstehen,
sondern auch einen präzisen und umfassenden Überblick über ihre patholo-
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik