Page - 190 - in Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
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Valentin Rauer
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in interaktive Agenten transformiert werden, die, zunehmend unabhängiger
von Menschen, selbst situativ entscheiden und steuern. Die Drohnenmetapher
ist ein Symptom, diese Veränderungen hin zu einer Handlungsträgerschaft
ohne unmittelbar beteiligte personale Akteure, d.h. zu einem hybriden Sub-
jektstatus’, in der öffentlichen Ordnung der Dinge mit Bedeutung zu versehen.
Gleichwohl heißt das nicht, dass diese Drohne unmittelbar mit autonomen
Subjekten mit freien Willensträgern im Sinne Kants gleichzusetzen seien.
Doch dazu später mehr.
Vor diesem Hintergrund geht es also im folgenden Text nicht um die Frage
nach dem sozio-kulturellen Impact von Algorithmen im so genannten World
Wide Web (Gillespie 2010; Bennett/Segerberg 2012; Gerlitz/Lury, 2014; Sanz/
Stancik 2014), sondern um die Frage nach den Deutungsmustern eines hybri-
den Subjektstatus von räumlich-mobilisierenden Techniken und deren situati-
ven Interaktivitäten. Die Folgen einer solchen algorithmisch generierten Tech-
nisierung von vormals rein menschlich praktizierten Interaktivitäten, werden
im Folgenden aus drei verschiedenen Perspektiven in den Blick genommen:
Zunächst soll die Grundlogik von algorithmischen Praktiken untersucht
werden. Hierzu bietet es sich an, Algorithmen in einem Setting zu untersu-
chen, das nur sehr einfache technische Voraussetzungen erfordert. Ein solcher
Fall sind analoge Funkalgorithmen. Sie kommen noch ohne digitale Senso-
ren und Softwareprogramme aus. Gleichwohl sind sie Teil einer paradigma-
tischen Vorläufersituation aller späteren computerbasierten digitalen Prakti-
ken, die der Informationstheoretiker Edward Hutchins als ›verteilte Kognition‹
beschrieben hat (Hutchins 1995). Funkalgorithmen ermöglichen räumlich
verteilte Kognitionsprozesse, indem sie Sprecher- und Adressatenrollen prä-
formieren und damit Handlungsträgerschaften sowie Situationsdefinitionen
kollektiv verbindliche Geltung verschaffen. Zudem dienen sie der situativen
Verantwortungszuschreibung, ohne dass es zeitraubender komplexer Aus-
handlungsprozesse über die von allen zu akzeptierende Situationsdefinition
und Zuweisung von Entscheidungskompetenzen bedarf. Diese abstrakte Be-
stimmung wird anschaulich an dem Beispiel seegestützter Funkalgorithmen
erklärt.
Darauf aufbauend wird dann in einem zweiten Abschnitt die digitale Inter-
aktionspraxis sensorbasierter Algorithmen vorgestellt. Die sensorbasierten
Algorithmen sind in der Lage, situativ ihre Entscheidungs- und Steuerungs-
praktiken zu verändern und sie auf neue situative Bedingungen jeweils an-
zupassen. Diese situative Anpassungsfähigkeit wird auch als ›Autonomie‹ be-
zeichnet, wobei darunter kein Kantisches autonomes Subjekt mit freien Willen
und Bewusstsein gemeint ist, sondern lediglich eine parametrisch interaktive,
d.h. sensorbasierte Steuerungsalgorithmik. Erläutert wird dieser Zusammen-
hang am Beispiel der zunehmenden situativen Steuerungsautonomie von mi-
litärischen Drohnen. Öffentliche Geschichten über Drohnen verwandeln diese
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik