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8. Drohnen: zur Materialisierung von Algorithmen 191
Fahrzeuge in ein Imaginationsobjekt, welches besondere öffentliche Aufmerk-
samkeit generiert (Sparrow 2007; Schörnig 2010; Matthias 2011; Strawser 2013;
Krassmann 2014, Chamayou 2015; Krassmann/Weber 2015).
Das Problem der sensorisch gesteuerten Interaktivität und der daraus re-
sultierenden potentiellen Steuerungsautonomie von Maschinen ist neu. Die
Problematik dieser Neuheit wird drittens an zwei verschiedenen empirischen
Fallgeschichten erläutert. Zunächst geht es um den Skandal um das geschei-
terte deutsche ›Euro Hawk‹ Projekt aus den 2000er Jahren, das mit Millionen-
verlusten einherging. Grund des Verlustes war die Unvertrautheit der deut-
schen Behörden mit dem Problem sensorisch gesteuerter Interaktivität. Nach
deutschen Gesetzen war eine solche Steuerung nicht vorgesehen, die Drohne
konnte aber ohne ein solches System keine Flugzulassung erlangen. Der Fall
zeigt, was geschieht, wenn die Logik sensorischer Mobilisierung nicht berück-
sichtigt wird und Entscheidungen allein auf menschliche Akteure delegiert
werden.
Ein im Anschluss daran vorgestellter weiterer Fall zeigt die Problematik
mit speziellem Bezug auf moralische Vorstellungen über menschliche und
moralische Subjektivität und Verantwortung. Es handelt sich um den US
Militärstützpunkt Ramstein in Deutschland, bei dem, »über so genannte
Fernmelderelaisschaltungen […] die Steuerungssignale für Einsätze unbe-
mannter Luftfahrzeuge«2 verlaufen. Da Ramstein auf deutschem Territorium
liegt, trägt es eine fragliche Verantwortung für den globalen Drohnenkrieg, so
zumindest lautete eine Klage einer NGO, die vor den Verwaltungsgerichten in
Köln und Leipzig verhandelt wurde. Im Namen von Verwandten von Drohnen-
opfern aus dem Jemen wurde von der NGO eine strategische Klage gegen die
Bundesrepublik Deutschland erhoben.
Die beiden empirischen Fallgeschichten zeigen, dass algorithmisch ver-
netzte Praktiken und Mobilisierungen zu diffusen Akteursgrenzen führen,
die neue Fragen nach kollektiver Verantwortung und normativer Teilhabe auf-
werfen. Im Falle des Euro-Hawk-Skandals bezieht sich die maschinelle Steue-
rungstechnik auf das Fahrzeug selbst, im Fall von Ramstein auf die gesamte
handlungsermöglichende Infrastruktur des Steuerungsnetzwerks jenseits
der Fahrzeuge. Im ersten Fall verläuft die zonale Richtung nach zugehöriger
Handlungsträgerschaft in Richtung eines ›zooming in‹, in dem zweiten Fall in
Richtung eines ›zooming out‹ (Junk/Rauer 2015).
Ziel dieses Aufsatzes ist es ein soziologisches Konzept von mobilisierenden
Algorithmen zu entwerfen, das über ein bloßes mathematisches oder digitales
Verständnis hinausgeht und Algorithmen allgemeiner als soziale Praxis be-
greift, die auf Interobjektivität (Rauer 2012a) beruht. In diesem Sinne stellen
2 | www.tagesschau.de/wirtschaft/drohnen-135.html (zuletzt aufgerufen am 29.12.
2016).
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik