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8. Drohnen: zur Materialisierung von Algorithmen 197
auf aufmerksam zu machen, dass diese Systeme alltäglich in Konfliktregionen
genutzt werden könnten und um gegen diese Entwicklung zu protestieren.
Im Jahre 2014 hat die militärische Forschungsanstalt ›Defence Advanced Re-
search Agency‹ (DARPA) Forschungsprojekte initiiert, die vollständige Bewe-
gungsautonomie von UAVs ermöglichen sollen. Es gelte mit sensorgesteuerter,
situativer Wahrnehmung von GPS-Daten unabhängig zu werden, beispiels-
weise wenn sich die Fahrzeuge im Funkloch innerhalb von Häusern oder im
Tauchgang befinden. Diese Systeme wären in ihren unmittelbaren interobjek-
tiven Situationen autonom und könnten auch ohne Kontakt zu menschlichen
Kontrolleuren interagieren. Entwickelt wird ein so genanntes ›adaptierendes
Navigationssystem‹ (ANS). Es besteht aus: »new algorithms and architectures
for […] sensors across multiple platforms [and] extremely accurate inertial mea-
surement devices that can operate for long periods without needing external
data to determine time and position«.5 Diese Autonomie solcher Maschinen ist
selbstverständlich keine Autonomie im Sinne eines intentionalen freien Wil-
lens, sondern eine situative interaktive Autonomie. Die Ziele selbst, beispiels-
weise das ›Interesse‹ in ein Gebäude überhaupt einzudringen, werden vorab
durch die Programmierung von Menschen bestimmt. Doch dieser Anteil des
›menschlichen‹ Interesses an den Maschinenpraktiken bleibt in der interob-
jektiven Situation selbst unsichtbar. Was real wirkt, weil es sichtbar ist, ist die
situative Autonomie der Maschine.
Die Maschinen realisieren Autonomie als Vorführung, d.h. Performanz.
Besonders eindrücklich wird dieser performativ imaginäre Effekt in Fällen,
wenn zwei oder mehr Drohnen unabhängig von menschlicher Intervention
miteinander interagieren, um eine von Menschen vorgegebene Mission auszu-
führen, beispielsweise wie das vom US-Verteidigungsministerium veröffent-
lichte Video zum Drohnenschwarm namens Perdix6. Die Videos von solchen
Drohnenschwärmen ›führen‹ interobjektive Autonomie wie auf einer Video-
bühne ›auf‹ – wohl aus propagandistischen Gründen – und öffnen damit einen
che Intelligenz (AI)-Technologie hat einen Punkt erreicht, an dem der Einsatz autonomer
Systeme – praktisch, wenn nicht auch rechtlich – innerhalb von Jahren, nicht Jahrzehn-
ten möglich ist. Die die Einsätze sind hoch: autonome Waffen werden nach dem Schieß-
pulver und den Atomwaffen als dritte Revolution in der Kriegsführung beschrieben.«
Zuerst publiziert am. 28.07.2015, online lesbar: http://futureoflife.org/open-letter-
autonomous-weapons (zuletzt aufgerufen am 18.01.2017, Übersetzung: V.R.).
5 | C4ISR&networks, ›After GPS: The Future of Navigation‹ www.c4isrnet.com/story/mili-
tary-tech/geoint/2015/03/31/gps-future-navigation/70730572/, 31.03.2015 (zuletzt
aufgerufen am 10.12.2015).
6 | https://www.defense.gov/News/News-Releases/News-Release-View/Artic
le/1044811/department-of-defense-announces-successful-micro-drone-demonstra
tion (zuletzt aufgerufen am 10.01.2017).
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik