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8. Drohnen: zur Materialisierung von Algorithmen 201
von der Relation zwischen menschlichem und nicht-menschlichem Handeln
verschiebt. Die Grenze verändert sich disruptiv. Was gestern noch eine rein
menschliche Tätigkeit war, ist morgen schon Aufgabe einer Maschine. Für Mi-
nisterien und Verwaltungen sind solche disruptiven Veränderungen ein Prob-
lem, weil vorab noch keine Verfahren zur Planung existieren.
Dieser eher teure, aber politisch unbedeutende Fall interessiert hier aber
nicht wegen seiner verwaltungstechnischen Implikationen, sondern aufgrund
der Sichtbarkeit einer veränderten Ordnung mobiler Interaktionen und Ver-
antwortlichkeiten. Mobilisierende Algorithmen haben also nicht nur technolo-
gische, sondern auch soziologische sowie kulturelle Bedeutung. Menschen gel-
ten als letztverantwortlich für Maschinen, daher steuern sie die Drohnen fern.
Aber diese Fernsteuerungen können unterbrochen werden. In solchen Fällen
müssen die Maschinen selbstverantwortlich ohne menschliche Entscheidun-
gen selbst entscheiden. Zwar gilt dies nur für unvorhergesehene Interaktions-
situationen. Die Ziele und Motive der Bewegungen bleiben den Menschen vor
den Bildschirmen und den skopischen Medien (Knorr-Cetina 2005) vorbehal-
ten, doch die Zone der nicht-menschlichen Anteile an der mobilisierten räum-
lich interaktiven Bewegung wird stetig größer. Algorithmen ersetzen zuneh-
mend Intersubjektivität mit Interobjektivität. Das Projekt scheiterte wohl aus
multiplen Gründen – vermutlich war jedoch eines der Hauptprobleme letzt-
lich, das alleinige Vertrauen in Intersubjektivität und die daraus resultierende
absolute Abhängigkeit der Drohne von fernsteuernden Menschen.12
An dieser Problematik wird eine wichtige Differenz zu dem deutlich, was
bisher als synthetische Situation, skopische Medien oder Intersituativität be-
schrieben wurde (Knorr-Cetina 2009; Hirschauer 2014). Alle diese Konzepte
beschreiben das Verhältnis von räumlich getrennten Situationen, in denen je-
doch jeweils menschliche Akteure an den Repräsentationsmedien sitzen und
die gesendeten Inhalte bewerten. Bei solchen telemedialen Situationen befin-
det sich Person A in Situation a, Person B in Situation b, Person N in Situation
n. Die Telemedien vermitteln zwischen diesen Situationen und erzeugen eine
synthetische Situation Aa+Bb+Cc. In den hier beschriebenen Situationen han-
delt es sich nicht um eine synthetische, sondern um eine katalytische Situation
und zwar im Sinne von »katalýein‹ (καταλύειν) ›losmachen, -binden.«13 Teile
der sozialen Situationen werden aus der räumlichen unmittelbaren Umgebung
›losgebunden‹ und weit entfernt weiter vollzogen. Aus einer Face-to-Face-Situa-
tion wird eine Face-off-Face-Situation, ohne dass die indexikalen Gewissheiten
des hic et nunc ihre Bedeutung verlieren. Vielmehr ist die Indexikalität mo-
12 | Inzwischen finden sich Versuche das Projekt zu revitalisieren: www.merkur.de/
politik/euro-hawk-ersatz-kostet-ueber-halbe-milliarde-euro-zr-5254055.html (zuletzt
aufgerufen am 26.11.2015).
13 | https://www.dwds.de/wb/katalytisch (zuletzt aufgerufen am 13.01.2017).
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik