Page - 210 - in Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
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Valentin Rauer
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Dimension. Sie zeigen, dass die algorithmischen Infrastrukturen die Hand-
lungsketten derartig weit auseinanderziehen, dass die Grenzen von Hand-
lungsträgerschaft selbst in Bewegung geraten und umstritten werden. Es sind
die Algorithmen, die den Unterschied zwischen bloß ferngesteuerten Fahr-
zeugen und Drohnen markieren.
Das skandalisierte Euro-Hawk-Projekt scheiterte, weil das Feld der relevan-
ten Akteure zu eng um die fernsteuernden Piloten imaginiert wurde. Diese
Sichtweise bricht Handlungsträgerschaft stets auf menschliche Akteure he-
runter (Junk/Rauer 2015). Das Problem war, dass algorithmisch mobilisierte
Objekte weiterhin nur mit Blick auf die Face-to-Face-Interaktion berücksich-
tigt wurden und die tatsächlich praktizierte Face-off-Face-Interaktion aus dem
Blick geriet. Damit zeigt der Fall auch, welche Probleme entstehen, wenn
Handeln nur auf menschliche Akteure bezogen wird, während Algorithmen,
obwohl konstitutiver Bestandteil von Face-off-Face-Interaktionen, ignoriert
werden.
Der Fall Ramstein demonstriert im Gegensatz dazu eine katalytische Ent-
grenzung der Handlungsträgerschaft, indem die algorithmische Interaktions-
infrastruktur als relevanter verantwortungskonstituierender Bestandteil sogar
Gegenstand eines Gerichtsverfahrens wurde. Die algorithmische Infrastruk-
tur diente als ein Einstieg von zivilgesellschaftlichen NGOs, um einen in ihren
Augen illegalen ›Krieg gegen den Terror‹ zur politischen Sichtbarkeit zu ver-
helfen.
Letztlich demonstrieren beide Fälle die Macht der mobilisierten Algorith-
men, öffentliche Erzählungen und kulturelle Imagination über die Grenzen
von Handlungsträgerschaften und katalytischen Situationen zu initiieren. Die
Grenzen der Handlungsträgerschaften geraten in diesen Imaginationen in Be-
wegung und ihre Konturen werden zunehmend diffus, weiten sich aus oder
ziehen sich zusammen. Bisweilen brechen die Grenzen bis auf den humanen
Rahmen herunter, bisweilen entbinden sie menschliche Akteure immer mehr
aus der Handlungskette und erstrecken sich über Kontinente. Diese Hand-
lungsträgerschaft bezieht sich nicht auf die klassische Idee des freien Willens
oder menschlicher Intentionalität, Kreativität oder Freiheit Denn die hier be-
schriebene algorithmische Autonomie ist eine Autonomie der Mobilität und
der situativen sensorbasierten Interaktivität. Somit ist algorithmische Autono-
mie in Interaktionen und Infrastrukturen stets eingebettet und existiert nicht
an und für sich. Die Interaktanten der algorithmischen Interaktion sind stets
nur sensorbasierte Aktanten und damit nur partiell autonom in ihrer Interak-
tion zu anderen Akteuren und Aktanten. Gleichwohl, bereits auf dieser Stufe
partieller Handlungsträgerschaft wird deutlich, dass die klassischen Grenzen
menschlicher Interaktionssituationen fluide werden.
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik