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9. Social Bots 219
len, wenig zielführend, da Bots unter solchen Gesichtspunkten nur innerhalb
eines bereits vordefinierten Spiels gefasst werden: als Eindringlinge gegenüber
dem Regime, das den Raum, in dem sie auftreten, organisiert. Darum werden
diese vernetzten Programme meist als Troublemaker innerhalb eines sonst
sauberen, gepflegten privaten Datenbank-Imperiums diskutiert (vgl. Dun-
ham und Melnick 2008), um sofort nach rechtlicher Regulierung zu rufen
(Schellekens 2013), die unterscheiden soll zwischen legalen, regime-konfor-
men und bösartigen, regime-devianten Bots. Letztere sind aber nichts weiter
als die unbequeme Erinnerung daran, dass das Versprechen von Konzernen
wie Facebook, eine sauber und sicher vernetzte Umgebung bereitzustellen,
im Unterschied zum ›gefährlichen‹ offenen Internet, unmöglich einzuhalten
ist, solange diese Konzerne selbst radikal neoliberale, von Kapitalinteressen
geleitete Unternehmungen sind. Diese Plattformen, mit all ihren Mutationen
und Aneignungen vernetzter Logiken, waren es selbst, die diesen räuberi-
schen Feldzug kapitalintensiver Operationen zu einer neuen schizophrenen
Intensität geführt haben, indem sie die Datenakkumulation und -verwertung
mit einem Ambiente totaler Überwachung perfekt zusammengebracht haben.
Hieran schließt die Produktion und das Betreiben von Social Bots nur an, und
damit auch die Entstehung einer eigenständigen Bot-Ökonomie, die gegen
Geld z.B. alle, die nach Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit auf Twitter suchen,
mit der exakt gewünschten Anzahl von Followern versorgt (Messias et al. 2013).
Bots nutzen den Virus, den kommerzielle Plattformen erst in voller Blüte in
heutige Subjektivitäten eingebracht haben: Sei sichtbar, vergleiche und ranke,
sei wichtig, aber eben nur als eindeutig unterscheidbares und anschreibbares
Individuum.
Im Kern nutzen Bots bei ihren Anbändelungen die harte Währung des
Vertrauens aus, die grundlegend die sozialen Verhältnisse dieser Plattformen
regelt. Darum ist es auch kaum erstaunlich, dass der Diskurs zu Social Bots
oft bestimmt ist durch Fragen der Verschmutzung der öffentlichen Sphäre
durch Bots, oder Problemen von Glaubwürdigkeit (Hingston 2012), sowie der
ungenauen algorithmischen Beurteilung von Benutzern und ihrem Einfluss
(Messias et al. 2013). Die Tatsache, dass inzwischen Forschungen angestellt
werden, um diejenigen Benutzer zu identifizieren, die am anfälligsten für Bot-
Anbändelungen sind (Wagner und Strohmeier 2010), indiziert dabei nur eine
weitere Verschiebung vernetzter Verantwortung in kommerziellen Sphären,
indem nun die Benutzer dieser Plattformen für ihr blindes Vertrauen gegen-
über Bots verantwortlich gemacht werden. Dabei sind sie es ja erst, die mit
unbezahlter Arbeit im Regime der geschlossenen Plattformen deren Wert er-
zeugen (Andrejevic 2011; Fuchs 2013).
Es ist dieser schizophrene Vorschub durch kommerzielle Plattformen, sich
einerseits das Denken und die Affekte von Millionen Menschen anzueignen,
während sie andererseits Felder des Begehrens produzieren, die dann den Rüs-
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik