Page - 220 - in Algorithmuskulturen - Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
Image of the Page - 220 -
Text of the Page - 220 -
Oliver
Leistert220
tungswettlauf zwischen Botprogrammierern anfeuern (Boshmef et al. 2011).
Denn die Gegenmaßnahmen stammen aus demselben Arsenal wie die Bots
selbst, so z.B. wenn dieselben algorithmische Verfahren angewandt werden,
um Follower auf Twitter in echte und unechte zu unterscheiden (Bilton 2014),
oder, im Falle Facebooks, das sogenannte ›Facebook Immune System‹ (Stein
et al. 2011), das u.a. versucht, Bots zu identifizieren, um sie dann zu neutrali-
sieren.
Darum ist der Versuch, zwischen guten und bösen Bots zu unterscheiden,
unmittelbar verschränkt mit dem Problem von Besitz von und Zugang zu den
Datensilos. Ob die Bots nun ›offiziell‹ sind oder Piraten, in jedem Fall sind
sie herausragende Beispiele einer »fundamentalen Unsicherheit darüber, zu
wem wir sprechen« (Gillespie 2014: 192) in Zeiten algorithmisch produzierter
Öffentlichkeiten (Anderson 2012; Snake-Beings 2013).
Es ist dies darum ein massenhafter Fall für einen (umgedrehten) Tu-
ring-Test: im Feld der kritischen Internet-Forschung werden Bots als Spiegel
unserer eigenen Reduktion auf Maschinen-ähnliche Akteure innerhalb dieser
hochgradig standardisierten Umgebungen gesehen. »Social Bots sind die Ref-
lektion unserer Aktivitäten auf sozialen Medien; damit diese Maschinen funk-
tionieren, müssen wir selber zu einer Maschinenartigkeit trainiert werden«
(Gehl 2014: 16). Dies bedeutet nichts anderes, als dass wir zu Produzenten von
»aggregierten Mustern textuell formatierter, diskreter Geisteszustände« (34)
geworden sind. Diskrete Zustände des Kognitiven sind genau die (Vor-)Bedin-
gung für Komputation und ermöglichen das Bestehen des (umgedrehten) Tu-
ring Tests. Deshalb ist (ohne jeglichen Zynismus) festzustellen, dass die erfolg-
reiche Mobilisierung großer Teile der Bevölkerung, sich einem Turing Test zu
unterwerfen, im Gegenzug die Bots als gleichberechtigte Partner qualifiziert.
der unmögliche Katalog der botsPhäre
Es ist herausfordernd, wenn nicht sogar unmöglich, Bots zu typisieren, da es
sich um ein hochdynamisches Feld handelt, das in großer Abhängigkeit zu
den Plattformen und Umgebungen, auf denen die Bots laufen, steht. Dennoch
folgt hier ein Versuch, anhand einiger Beispiele und Charakterisierungen die
Bedeutung aber auch Diversität von Bots in heutigen Internetassemblagen dar-
zustellen.
Dabei ist bereits die Formulierung, dass Bots auf Plattformen laufen, in
vielen Fällen problematisch, da Bots auch dezentral auf externen Servern ope-
rieren können, die mit den Plattformen vernetzt sind, wie das Beispiel der Wi-
kipedia-Bots zeigt (Geiger 2014). Auch ist dies ein weiterer Hinweis, dass Ty-
pisierungen den Relationen in diesem Feld epistemisch unterlegen sind. Des
Weiteren hat die negative Bestimmung von einigen Bots (›malicious‹) dazu
Algorithmuskulturen
Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Title
- Algorithmuskulturen
- Subtitle
- Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit
- Author
- Robert Seyfert
- Editor
- Jonathan Roberge
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3800-8
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 242
- Keywords
- Digitale Kulturen, Medienwissenschaft Kultur, Media studies, Technik, Techniksoziologie, Kultursoziologie, Neue technologien, sociology of technology, new technologies, Algorithmus
- Category
- Technik