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ALJ 1/2015 Peter Krois 171
damit auch VorschlÀge des EuropÀischen Parlaments in dessen bereits im vorangehenden Ab-
schnitt erwÀhnten reformorientierten Resolutionen aufgegriffen. Die Kommission bleibt auch
kĂŒnftig ein Kollegialorgan, die VertrĂ€ge haben sich ja nicht geĂ€ndert, die Beziehungen innerhalb
des Kollegiums werden jedoch radikal neu gestaltet. Es gibt nunmehr einen ersten VizeprÀsiden-
ten, Frans Timmermans, dem Juncker als unmittelbarem Stellvertreter eine Reihe wesentlicher
Koordinierungsaufgaben ĂŒbertragen hat und der insbesondere auch die Einhaltung der Prinzi-
pien von SubsidiaritĂ€t und VerhĂ€ltnismĂ€Ăigkeit bei der Vorbereitung neuer Gesetzgebungsvor-
schlÀge durch die Kommission sicherzustellen hat. Federica Mogherini kann als Hohe Vertreterin
im Gegensatz zu ihrer VorgĂ€ngerin mit voller UnterstĂŒtzung des KommissionsprĂ€sidenten, wie in
den VertrĂ€gen vorgesehen, die Arbeit der Kommissare mit ZustĂ€ndigkeit fĂŒr Teilbereiche des
auswĂ€rtigen Handelns der EU koordinieren. Kristalina Georgieva hat mit ZustĂ€ndigkeit fĂŒr die
Kernbereiche Budget und Personal eine starke Stellung innerhalb der Kommission, die eine Ko-
ordinierung mit allen Kommissionsmitgliedern erfordert. Die weiteren vier VizeprÀsidenten ha-
ben erstmals keine eigenen ZustĂ€ndigkeitsbereiche, sind jedoch fĂŒr die Koordination groĂer
prioritĂ€rer Projekte der Kommission zustĂ€ndig: Andrus Ansip fĂŒr den digitalen Binnenmarkt; Ma-
roĆĄ Ć efÄoviÄ fĂŒr die zu schaffende Energieunion; Valdis Dombrovskis fĂŒr den Euro und den sozialen
Dialog, eine Kombination, die auch das soziale Engagement der Kommission unterstreichen soll;
und schlieĂlich Jyrki Katainen, der fĂŒr ArbeitsplĂ€tze, Wachstum, Investitionen und Wettbewerbs-
fÀhigkeit zustÀndig ist. Junckers Kommission weist mit sieben VizeprÀsidenten einen weniger auf
als die Kommission Barroso II, aber Juncker hat seinen VizeprÀsidenten im Gegensatz zur bisheri-
gen Praxis in der Kommission einen Teil seiner prĂ€sidialen Koordinierungsaufgaben ĂŒbertragen.
Damit ist die Funktion eines VizeprÀsidenten der Kommission nun kein protokollarischer Ehrenti-
tel mehr, sondern mit operativen Aufgaben und Verantwortlichkeiten verbunden.
PrĂ€sident Juncker hat seine Erwartungen an âseineâ Kommissionsmitglieder umfassender und
konkreter als bisher ĂŒblich in sogenannten âmission lettersâ an ebendiese niedergelegt und diese
veröffentlicht, sodass sie fĂŒr jedermann im Internet nachlesbar sind. Dies verdeutlicht Junckers
neuen Zugang zu Transparenz. Der Anspruch der neuen Kommission ist es, sich kĂŒnftig auf das
Wesentliche zu beschrĂ€nken, nach dem Grundsatz âweniger ist mehrâ die Arbeit der Kommission
auf die PrioritĂ€ten zu beschrĂ€nken und diese dafĂŒr optimal auszugestalten. Die neue Kommissi-
on will politischer, dynamischer, effizienter, transparenter und dialogfÀhiger als ihre VorgÀnger
sein. Dies zeigte sich bereits an den PlÀnen der Kommission, insgesamt 80 Gesetzgebungsvor-
schlĂ€ge zurĂŒckzuziehen, deutlich mehr als von EuropĂ€ischem Parlament und Rat erwartet, und
im Vorhaben, 2015 mit 23 Initiativen eine im Vergleich zum bisherigen Durchschnitt deutlich
geringere Zahl an neuen Initiativen vorzulegen.
Im Rahmen des Rates hatten in den Jahren 2012 bis 2014 bereits verschiedene RatsprÀsident-
schaften punktuell Reformdiskussionen bei informellen Europaministertreffen organisiert, ein
Follow-up blieb jedoch jeweils aus. Der italienische Ratsvorsitz schlug gleich nach Ăbernahme der
Vorsitzfunktion im Juli 2014 vor, eine âGruppe der Freunde der PrĂ€sidentschaftâ zur Verbesserung
der Funktionsweise der EU als erste tiefergehende Initiative des Rates nach dem Inkrafttreten des
Vertrags von Lissabon einzurichten. So geschah es auch. Die Gruppe, die sich aus hochrangigen
Beamten der Mitgliedstaaten, sowohl aus den StÀndigen Vertretungen als auch aus den Haupt-
stÀdten, zusammensetzte, traf sich von September bis Anfang Dezember jeweils einmal pro Mo-
nat in BrĂŒssel. Das Mandat fĂŒr die Gruppe sah die Erarbeitung möglichst konkreter VorschlĂ€ge
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Austrian Law Journal
Volume 1/2015
- Title
- Austrian Law Journal
- Volume
- 1/2015
- Author
- Karl-Franzens-UniversitÀt Graz
- Editor
- Brigitta Lurger
- Elisabeth Staudegger
- Stefan Storr
- Location
- Graz
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 19.1 x 27.5 cm
- Pages
- 188
- Keywords
- Recht, Gesetz, Rechtswissenschaft, Jurisprudenz
- Categories
- Zeitschriften Austrian Law Journal