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6Â Â Â VonderKulturalisierungzurTemporalisierung 205
wokaummehrKinderdeutscherMuttersprachezurSchulegehen,da sind
wirschonfastbeihundertProzentmitKindernnicht-deutscherMutterspra-
che.DashatAuswirkungenaufdieViertel,dashatAuswirkungenauchauf
MenschenundFamilienundKinder,dortwoKinderebenmitKindernande-
rerKulturenzusammenkommen.«(C1m)
Etwasspäterergänzter:
»Alsodagibt’s kaumnochein klassischösterreichischesGeschäft sondern
dagibt’shaltdentürkischenLebensmittelhandelunddanngibt’sdrübenir-
gendeinenThai-Ladenundsoweiter, das ist soeineMulti-Kulti-Wiese,wo
man’sschonsehrstarkspürtundwo’sauchinder[…]gasseKaffeehäusergibt,
woderSchanigartenvollmitKroatenist,oderwennWMistdanneinkroati-
scherAutokorsoherumfährtundso.Alsodaswirdsichernochstärkerwerden
undstärkersichtbarwerden.«(C1m)2
Anhand dieser Passage lässt sich exemplarisch nachvollziehen,wie der Be-
deutungshorizont des Diskurselements ›Islam‹ über die narrative Episode
hinweg immerweiter ausgedehntwird.Zunächst verweist der Befragte auf
»türkische« AnwohnerInnen, erweitert seine Erzählung dann aber bald auf
»andere islamischeNationalitäten«–womit er deutlichmacht, dass er das
religiöseAttribut »islamisch«bzw.»muslimisch«hier zugleichals ethno-na-
tionale Identität versteht.Daran schließt er denVerweis auf Sprachkompe-
tenzenan:MuslimischeKinder,oder solchedie er »islamischenNationalitä-
ten«zuordnet,werdenindernarrativenAssoziationzugleichzuKindern»mit
nicht-deutscherMuttersprache«. Schließlich verrät der letzte Satzteil, dass
hiernocheineweitereKategoriehinzutritt,denneshandeltsichum»Kinder
aus anderenKulturen« (Herv.B.O.). Indem ›Islam‹und ›Migration‹ diskursiv
kurzgeschlossenwerden,entstehthiereinfastunmerkliches,vomSprechen-
den selbst nicht reflektiertesGleiten zwischen verschiedenenRegistern des
Anders-Seins: In der Figur des/dermuslimischen Anderen werden religiö-
se, ethno-nationale, linguistische und kulturelle Attribute amalgamiert. Im
zweitenTeil desZitatswirdderBedeutungshorizont schlieĂźlichnochweiter
gezogen.DieFigurdes/dermuslimischenAnderenwirdzueinerdiskursiven
Rampe,umverschiedensteethno-nationaldefinierteGruppenvon›Fremden‹
aufzurufen.DerrealeBezugzuMuslimInnenoderdemIslamwirdhiernicht
mehrbloßdünn,er löst sich inderMetaphorikdesAnderenschlechthinauf.
2 DieAuslassungendienenderAnonymisierungdesInterviewpartners.
Im Namen der Emanzipation
Antimuslimischer Rassismus in Ă–sterreich
- Title
- Im Namen der Emanzipation
- Subtitle
- Antimuslimischer Rassismus in Ă–sterreich
- Author
- Benjamin Opratko
- Publisher
- transcript Verlag
- Location
- Bielefeld
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4982-0
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 366
- Keywords
- Rassismus, Ă–sterreich, Islam, Moslem, Fremdenfeindlichkeit, Religion
- Categories
- Weiteres Belletristik