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232 ImNamenderEmanzipation
Reduktionismus. Erstens reduziert er Rassismus auf jene Herrschafts-
praktiken, die sich auf ›race‹-Diskurse beziehen und zweitens reduziert
er Rassismus auf ›enthistorisierende‹ Praktiken. Ghosh, der die Relevanz
von ›race‹ und ›racism‹ für die von Chakrabarty untersuchten Phänomene
betont, teilt den erstenReduktionismus–aucher bezieht ›racism‹ stets auf
die Kategorie ›race‹ –, überwindet aber den zweiten. Er verweist auf die
rassentheoretischenAusführungendesLiberalen JohnStuartMill (wieschon
JohannesFabian):
»InthisdiscourseRaceistheunstatedtermthroughwhichthegradualismof
liberalismreconcilesitselftothepermanenceofEmpire.Raceisthecategory
thataccommodatesthenotionof incorrigibility,henceassumingthefailure
ofallcorrectionalefforts (andthusoftutelage).« (GhoshinGhosh/Chakrab-
arty2002:152).
Hinterdem›noch-nicht‹,dasChakrabartyalszentralesMotivdesHistorizis-
mus identifiziert, verbirgt sich demnach ein rassistisches ›nie‹. Für die ko-
lonialen Subjekte ist die Ziellinie des Entwicklungspfades nie zu erreichen,
weilsiesichmitdenKolonisierendenmitbewegt.Dadurchwirdsievoneinem
zumindest theoretischzuerreichendenZielder ›nachholendenEntwicklung‹
zurunerreichbarenKarottevorderNase,dereneinzigerZweckdieAufrecht-
erhaltungvonKontrolleundAbhängigkeit ist.
Abermals scheinen hier Parallelen zu Aspekten der Temporalisierung
der/desmuslimischenAndereninderGegenwartauf.DenndieKonstruktion
der Ungleichzeitigkeit und der Subjekte des noch-nicht wirft notwendi-
gerweise die unausgesprochene Frage auf, ob die ›Anderen‹ sich je aus der
Verbannung indieVergangenheit befreienkönnen–oder ob es sichumei-
nenpermanenten temporalisierendenDistanzierungsdiskurshandelt.Diese
Frage vor demHintergrundder postkolonialenKritik desHistorizismus zu
stellen, soll keine voreiligen Gleichsetzungenmit der kolonialen Kondition
provozieren, sondern auf eine Grundstruktur rassistischer Veranderung
hinweisen. Chakrabartys Figur des ›not yet‹ findet sich schließlich auf ver-
wandteWeise immuslimischen Subjekt des ›noch-nicht‹.Was sie eint, ist
was Chakrabarty (2008: 7) die »›first in Europe, then elsewhere‹ structure
of global historical time« nennt.Was sie unterscheidet, ist ihre räumliche
Positionierung: Die ›anachronistischen‹ muslimischen Subjekte der öster-
reichischenGegenwart sind nicht ›anderswo‹, sondern hier, innerhalb eines
als lokal, national oder kontinental gedachten gesellschaftlichen Raums.
Auf diesenGesichtspunkt und die Konflikte, die sich daraus ergeben,wird
Im Namen der Emanzipation
Antimuslimischer Rassismus in Österreich
- Title
- Im Namen der Emanzipation
- Subtitle
- Antimuslimischer Rassismus in Österreich
- Author
- Benjamin Opratko
- Publisher
- transcript Verlag
- Location
- Bielefeld
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4982-0
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 366
- Keywords
- Rassismus, Österreich, Islam, Moslem, Fremdenfeindlichkeit, Religion
- Categories
- Weiteres Belletristik